[6] Fannius: So ist es, Laelius; es gab nämlich keinen besseren Mann als Africanus und keinen berühmteren. Aber du musst glauben, dass die Augen aller auf dich gerichtet sind; einzig dich nennen sie weise und glauben daran. Diese Auszeichnung wurde eben erst dem Cato zuteil; wir wissen, dass Acilius bei unseren Vätern weise genannt wurde, aber beide in ganz anderer Beziehung, Acilius, weil er in zivilrechtlichen Dingen für kenntnisreich gehalten wurde, Cato, weil er in vielen Dingen Erfahrung hatte; viel ist im Umlauf, was von ihm sowohl im Senat als auch auf dem Forum entweder klug vorausberechnet oder beharrlich durchgeführt oder scharfsinnig geantwortet wurde; deshalb hatte er bereits im Greisenalter gleichsam den Beinamen "der Weise".
[7] Du aber seiest in einem anderen Sinne, nicht nur deiner Natur und deines Charakters, sondern auch deines Strebens und Gelehrsamkeit wegen ein Weiser, nicht wie das einfache Volk, sondern wie die Gelehrten einen "weise" zu nennen pflegen, wie wir im übrigen Griechenland keinen und nur in Athen einen kennen, und dieser gewisse wurde sogar durch das Orakel des Apollon als weise bezeichnet; dieses aber halten sie an dir für weise, dass du glaubst, alles deinige sei in dir gelegen und die menschlichen Schicksalsschläge seien durch die Tugend bedeutungslos. Deshalb fragen sie mich, ich glaube gleichfalls auch Scaevola, wie du den Tod des Africanus erträgst und dies umso mehr, weil du bei den letztvergangenen Nonen, als wir in die Gärten des Augur Brutus kamen, nicht anwesend warst, obwohl du gewöhnlich immer sehr sorgfältig jenen Tag wahrgenommen hast.
[8] Scaevola: Gewiss fragen mich viele, Laelius, wie es von Fannius gesagt wurde, aber zur Antwort gab ich das, was ich weiß, dass du den Schmerz mit weiser Mäßigung trägst, welchen du wegen des Todes eines hochgestellten und so befreundeten Menschen erlitten hast, aber nicht (komplett) ungerührt bleiben konntest, auch hätte dies nicht deinem Charakter (Menschlichkeit) entsprochen; dass du aber in unserer Versammlung der Nonen nicht erschienen seiest, antwortete ich, dass dein schlechtes Befinden nicht die Trauer der Grund gewesen sei. Laelius: Richtig, Scaevola, und es ist wahr; weder hätte ich mich von dieser Pflicht, die ich immer beansprucht habe als ich gesund war, durch mein Missgeschick abhalten lassen dürfen, noch glaube ich, dass es bei einem charakterstarken Mann aus irgendeinem Grund dazu kommen kann, dass eine Unterbrechung seiner Pflicht vorkommt.
[9] Du aber Fannius handelst als Freund, wenn du sagst, dass mir soviel Lob zugeteilt wird, wie ich es weder für Recht erkenne noch fordere. Aber mir scheint, dass du nicht richtig über Cato geurteilt hast. Entweder war nämlich niemand weise, was ich eher glaube, oder - wenn irgendjemand - dann jener. Auf welche Weise hat er doch den Tod seines Sohnes getragen, um anderes zu übergehen! Ich erinnere mich an Paulus, ich sah Galus, aber diese beim Verlust eines Knaben, Cato aber beim Verlust eines reifen und bewährten Mannes.
[10] Deshalb hüte dich, dass du dem Cato auch nur jenen voranstellst, den Apollo, wie du sagtest, als weisesten bezeichnet hat. Von diesem (Cato) werden nämlich Taten, von jenem Gesagtes gelobt. Über mich aber vernehmet diese, um es gleich beiden zu sagen: Wenn ich leugnen würde, dass mich die Sehnsucht nach Scipio bewegt hätte - mögen die Weisen beurteilen, ob dies richtig ist - dann würde ich lügen. Ich bin erschüttert durch den Verlust eines solchen Freundes, wie es niemals einen gleichen geben wird - wie ich glaube - und wie es - das kann ich versichern - sicher keinen gab. Aber ich brauche keine Medizin, ich tröste mich selbst, und zwar besonders mit jenem Trost, weil ich von dem Irrtum frei bin, durch den die meisten gewöhnlich gequält werden beim Tod eines Freundes. Ich glaube Scipio ist nichts schlechtes geschehen, wenn überhaupt etwas, dann mir; durch sein eigenes Unglück heftig gequält zu werden zeugt nicht von Freundesliebe, sondern von Selbstliebe.
[11] Wer wird leugnen, dass es jenem herrlich ergeht? Wenn er nämlich sich nicht die Unsterblichkeit wünschen wollte, woran er gar nicht dachte, was hat er dann nicht erreicht, was ein Mensch sich wünschen darf? Dieser hat die höchste Hoffnung der Bürger, die sie schon in seiner Jugend auf ihn gesetzt haben, gleich darauf als junger Mann durch unglaubliche Tapferkeit noch übertroffen; er, der sich nie um das Konsulat beworben hat, wurde zwei mal Konsul - das erste Mal vor seiner Zeit und das andere Mal für seine Person zur rechten Zeit, für den Staat fast schon zu spät. Er hat durch die Zerstörung zweier unserem Reich feindlich gesinnter Städte nicht nur gegenwärtige, sondern auch zukünftige Kriege verhindert. Was soll ich erst sagen von seinem liebenswürdigem Charakter: über die Frömmigkeit der Mutter gegenüber, über die Freigiebigkeit gegenüber seinen Schwestern, über die Güte gegenüber den Seinen und über die Gerechtigkeit gegenüber Allen? Ihr wisst ja darum. Wie teuer er aber der Bürgerschaft war, zeigte die beim Begräbnis hervorgetretene Trauer. Was also hätte diesem die Zugabe von wenigen Jahren nützen können? Wenn das Greisenalter auch nicht bedrückend ist, - ich erinnere mich, wie Cato ein Jahr vor seinem Tod mit mir und Scipio darüber gesprochen hat - so raubt es uns doch die Jugendfrische, die Scipio bis zuletzt besaß.
[12] Deshalb war sein Leben durch Glück und durch Ruhm so, dass nichts hinzukommen konnte; die Schnelle des Sterbens hielt die Wahrnehmung (des Sterbens) fern. Auf welche Art er starb ist schwer zu sagen; was die Menschen vermuten seht ihr. Dennoch ist es wahrhaftig erlaubt dies zu sagen: dem Scipio war von den vielen berühmten und erfreulichen Tagen, die er in seinem Leben gesehen hat, jener Tag der erfüllteste, als er - einen Tag bevor er starbt - nach der Entlassung des Senates gegen Abend von den Senatoren, dem römischen Volk, den Bundesgenossen und Latinern nach Hause geführt wurde, so dass er von so hohem Grade an Würde eher zu den überirdischen als zu den unterirdischen Göttern gelangt zu sein scheint.
[13] Ich stimme nämlich nicht mit den Epikureern überein, die neulich begonnen haben darüber zu diskutieren, dass mit den Körpern zugleich die Seele zugrunde ginge und alles durch den Tod zerstört werde; bei mir hat das Beispiel der Alten mehr wert, entweder (das Beispiel) unserer Vorfahren, die den Toten so heilige Rechte zugeteilt haben, was sie mit Sicherheit nicht getan hätten, wenn sie es für gleichgültig gehalten hätten, oder (das Beispiel) derer, die in diesem Land gewesen waren und das große Griechenland - das nun freilich zerstört ist, damals aber blühte - durch ihre Vorschriften und Einrichtungen erzogen haben, oder (das Beispiel) dessen, der vom Orakel von Apollo als Weiser bezeichnet wurde, dem nicht bald dies, bald jenes - wie den meisten - sondern immer das gleiche für gut schien, dass nämlich Seelen der Menschen göttlichen Ursprungs seien und dass diesen - sobald sie aus dem Körper entschwunden seien - die Rückkehr zum Himmel offen stehe und zwar den besten und gerechtesten am ungehindertsten.
[14] Dies schien gleichfalls auch dem Scipio, der ja, als habe er eine Vorsehung gehabt, wehr wenige Tage vor seinem Tod drei Tage lange über den Staat diskutiert hat, als sowohl Philius, Manilius und auch mehrere andere da waren - auch du Scaevola kamst mit mir; der Schluss dieser Rede handelte im wesentlichen von der Unsterblichkeit der Seele, was er im Schlaf durch ein Traumbild aus dem Munde des Africanus vernommen haben wollte. Wenn dies so ist, dass sich der Geist gerade der Besten beim Tod besonders leicht emporhebt, wie aus der Bewachung und den Fesseln des Körpers, wem müssen wir dann dein leichteren Aufstieg zu den Göttern zuerkennen als dem Scipio? Deshalb scheue ich über dieses Ereignis für ihn zu Trauern, damit es nicht mehr nach Neid als nach Freundschaft aussieht. Wenn aber jene Lehren wahrer sind, dass Körper und Seele gleichzeitig untergehen und dass keine Empfindung mehr verbleibe, dann ist zwar nichts Gutes am Tod aber auch nichts Schlechtes. Denn nach dem Verlust der Empfindung tritt der gleiche Fall ein, als ob man nicht geboren worden wäre. Dass er aber doch geboren wurde, darüber freuen wir uns und darüber wird auch der Staat solange er besteht sich freuen.
[15] Deshalb ist es jenem - wie ich bereits weiter oben sagte - gewiss sehr gut ergangen, mir (aber) unbequemer, weil es angemessen gewesen wäre, dass ich früher aus dem Leben scheide - wie ich früher eingetreten bin. Aber dennoch genieße ich die Erinnerung an unsere Freundschaft so, dass mir scheint glücklich gelebt zu haben, weil ich mit Scipio gelebt habe, mit welchem mir die Sorge um den Staat und um Privates gemeinsam war, mit welchem ich das Haus und den Militärdienst gemeinsam hatte und das worin in dieser Freundschaft die ganze Kraft gelegen hat, nämlich die Übereinstimmung in unseren Wünschen, Zielen und im Denken (substantivisch übersetzt). Deshalb erfreut mich nicht so das Gerücht meiner Weisheit, welche soeben Fannius ansprach - zumal falsch - wie die Tatsache, dass ich hoffe, dass die Erinnerung an unsere Freundschaft ewig währen wird und dies ist mir umso mehr eine Herzenssache, als aus allen Jahrhunderten kaum drei oder vier Freundschaften genannt werden; auf diese Art glaube ich, dass die Freundschaft des Scipio und des Laelius den Nachfahren bekannt bleiben wird.
[16] Fannius: Dies ist gewiss notwendig, Laelius. Aber weil du die Freundschaft erwähnt hast und weil wir Zeit haben , würdest du mir einen Gefallen tun - ich hoffe auch dem Scaevola -, wenn du reden würdest, was du davon hältst, wie sie beschaffen ist und sie anzuwenden ist - wie du es auch bei anderen Dingen getan hasst, wenn man dich danach fragte. Scaevola: Mir wird es angenehm sein; Und da ich dich eben darum anzugehen versuchte, kam mir Fannius zuvor. Also würdest du und beiden damit einen großen Gefallen erweisen.