[17] Laelius. Wahrlich mache ich mir keine Umstände, da ich es mir selbst zutraue; denn es ist eine interessante Angelegenheit, und wie Fannius gesagt hat haben wir Zeit. Aber wer bin ich schon ? Oder welche Fähigkeiten habe ich ? Es ist die Gewohnheit der Gelehrten, und zwar der Griechen, dass ihnen das vorgelegt wird, worüber sie gleich auf der Stelle diskutieren sollen. Schwierig ist es und es bedarf nicht geringer Übung. Deswegen glaube ich solltet ihr das, was man über die Freundschaft sagen kann, von denen verlagen, die dies auch beruflich tun; ich kann euch nur ermahnen die Freundschaft vor alle übrigen menschlichen Dinge zu stellen; nichts ist nämlich so naturgemäß, so angemessen zu den Dingen sei es glücklicher oder unglücklicher.
[18] Aber zuerst meine ich, dass die Freundschaft nicht sein kann, wenn nicht in guten Menschen; und ich nehme das nicht allzu genau, wie jene, die das gründlich erörtern, und vielleicht zutreffender, aber für das Leben in der Gemeinschaft zu wenig nutzbringend: sie leugnen nämlich, dass irgendjemand ein guter Mensch sein kann, außer einem Weisen. Das mag gewiss sein; aber sie erklären dies als Weisheit, was bis jetzt niemand der Sterblicher erreicht hat; wir müssen aber uns dem widmen, was im Gemeinschaftsleben gewöhnlich ist, und nicht dem, was man sich vorstellt oder wünscht. Ich möchte niemals sagen, dass C. Fabricus, Markus Curius oder T. Coruncanius, die unsere Vorfahren als weise beurteilten, nach deren Maßstab weise waren. Deshalb mögen sie den sowohl unklaren als auch zweifelhaften Begriff der Weisheit für sich behalten, und sich zugestehen, dass sie gute Männer waren. Nicht einmal das werden sie machen; sie werden leugnen, dass dies nur einen Weisen zugestanden werden kann.
[19] Lasst uns also mit schlichtem Hausverstand handeln, wie sie sagen. Wer sich so verhält, so lebt, dass man deren Treue anerkennt, deren Unbescholtenheit, deren Gleichheits- und Freiheitssinn, und dass man bei ihnen keine Begierigkeit, Zügellosigkeit und Unverschämtheit zu finden ist und dass bei ihnen große Standhaftigkeit vorhanden ist, sowie diese waren, die ich genannt habe, möchten wir glauben, dass diese auch als gute Menschen zu bezeichnen sind, wie man sie eingeschätzt hat, weil sie der Natur folgen, wie viel ein Mensch so kann, als Führerin des besten Lebens. Ich glaube nämlich zu durchschauen, dass wir so geboren sind, dass zwischen allen Menschen eine Art gesellschaftliche Bindung besteht, und eine engere Verbindung je näher man aufeinander zugeht. Deshalb gelten uns die Mitbürger mehr als Ausländer und Verwandte mehr als Fremde; mit diesen stellt sich die Natur die Freundschaft selbst her; aber diese Freundschaft hat nicht genügend Festigkeit. Und darin übertrifft die Freundschaft das verwandtschaftliche Verhältnis, da aus der Verwandtschaft das Wohlwollen genommen werden kann, aus der Freundschaft aber nicht. Wenn nämlich das Wohlwollen genommen wird, nimmt man den Namen der Freundschaft weg, und der der Verwandtschaft bleibt.
[20] Wie groß aber die Bedeutung der Freundschaft ist, das kann man am besten daran erkennen, dass sie aus der grenzenlosen Gemeinschaft des menschlichen Geschlechtes, die die Natur selbst gestiftet hat, den Kreis verkleinert und auf enge Grenzen beschränkt hat, sodass das Band der Liebe zwischen zweien oder zwischen wenigen Personen geknüpft wird. Es ist nämlich Freundschaft nichts anderes als mit Wohlwollen und Hochachtung gepaarte Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen; Vielleicht wurde von den Göttern nichts besseres gegeben als die Freundschaft, wenn man die Weisheit nicht beachtet. Die einen stellen den Reichtum von allem anderen vor, die anderen die Gesundheit, wieder andere die Macht, wieder andere die Ehre und viele sogar die Sinneslust. Nur Rindviecher bevorzugen das Letztgenannte, nämlich die Sinneslust, jene davor genannten Güter jedoch die höchst vergänglich und unsicher sind, sind nicht so sehr in unserer Entscheidungsgewalt als in der Zufälligkeit des Schicksals. Die aber in die Tugend das höchste Gut legen handeln gewiss hervorragend, denn diese Tugend selbst gebärt und beinhaltet jene Freundschaft, denn ohne die Tugend kann die Freundschaft nicht bestehen.
[21] Ferner lasst uns die Tugend aus unserem gewöhnlichen Leben heraus beurteilen, und sie nicht, wie gewisse Gelehrte, an der Pracht der Worte messen und lasst uns gute Männer aufzählen, die diese besitzen, Menschen wie Paulus, Cato, Galus, Scipio und Philius; jenen war das zufriedene Leben gemeinsam; jene aber übergehen wir, die nirgends gänzlich zu finden sind.
[22] Eine Freundschaft zwischen solchen Männern beinhaltet so große Gelegenheiten, wie ich kaum zu sagen wage. Zunächst, wie kann ein Leben lebenswert sein, wie Ennius sagte, das nicht in gegenseitigem Wohlwollen von Freunden ruht? Was kann schöner sein, als irgendjemanden zu haben, mit dem du alles besprechen kannst, wie mit dir selbst? Was wäre das für ein hoher Genuss im Glück, wenn du niemanden hättest, der sich gleichsam wie du selbst darüber freut? Wahrlich wäre es schwer ein Unglück zu tragen, ohne einen, der das sogar schwerer als du ertragen würde. Zuletzt sind die Dinge, die erstrebenswert sind, nur für eine Sache günstig: Reichtum, damit du ihn gebrauchst, Einfluss, damit du durch ihn Achtung gewinnst, Ehre, damit du gelobt wirst, Sinneslust, damit du dich an ihr erfreust, Gesundheit, damit du keinen Schmerz hast und damit du die körperlichen Aufgaben erfüllen kannst; die Freundschaft beinhaltet die meisten Dinge; wohin auch immer du dich wendest, sie ist da, an keinem Ort wird sie ausgeschlossen, niemals kommt sie ungelegen, niemals ist sie lästig; deshalb benutzen wir nicht das Wasser, nicht das Feuer, wie gesagt, bei mehreren Gelegenheiten als die Freundschaft. Und ich spreche jetzt nicht über jene alltägliche Freundschaft oder über eine mittelmäßige Freundschaft, die dennoch sich selbst erhält und nutzt, sondern ich spreche über die vollkommene Freundschaft, wie sie bei denen gewesen ist, wie sie nur bei wenigen genannt wird. Denn sie macht sowohl das Glück glänzender als auch das Unglück leichter durch Teilen und Mitleiden.
[23] Wenn schon die Freundschaft die meisten und größten Bequemlichkeiten enthält, so steht jene doch freilich allem voran, was die gute Hoffnung für die Zukunft in Aussicht stellt. Und sie duldet nicht, dass der Wille geschwächt wird oder zusammenbricht. Wer nämlich auf einen wahren Freund blickt, erblickt gleichsam irgendein Abbild seiner selbst. Deswegen sind sowohl Abwesende da, als auch Bedürftige reich, ebenso Schwache gesund, und auch - was schwieriger zu verstehen ist - Tote lebendig. So große Ehre und Erinnerung, so große Sehnsucht nach den Freunden begleitet dich. In Folge dessen, erscheint der Tod jener schön und das Leben jener lobenswert.
[24-25] Nur Latein