De Officiis - Liber secundus


1-8 Einleitung

[1] Wie sich die Pflichten von der Sittlichkeit herleiten, mein Sohn Marcus, und von jeder einzelnen Art der Tugend, ist, wie ich glaube, im voraufgehenden Buch hinreichend entfaltet worden. Im Folgenden unter- suche ich diejenigen Arten von Pflichten, die sich auf die Verfeinerung des Lebensstiles und die Verfügung über die Dinge beziehen, die Men- schen brauchen, auf Macht und Reichtum; hierbei wird, wie ich gesagt habe, untersucht, was nützlich, was unnütz ist, was aus dem Bereich des Nützlichen nützlicher oder am nützlichsten ist. Hierüber zu sprechen werde ich mich anschicken, wenn ich zuvor einiges über mein Vorhaben und meine Richtung gesagt habe.

[2] Obwohl nämlich nicht wenige unserer Bücher nicht nur zur Freude am Lesen, sondern auch zur Freude am Schreiben angespornt haben, fürchte ich dennoch bisweilen, dass einigen braven Leuten das Wort Philosophie verhasst ist und sie sich wundern, dass ich so viel Mühe und Zeit auf sie verwende. Ich aber richtete, solange der Staat durch diejenigen gelenkt wurde, denen er sich selbst anvertraut hatte, alle meine Bemühungen und Gedanken auf ihn. Als aber alles durch die Gewaltherrschaft eines Einzigen in Beschlag genommen wurde und es nirgends Raum für überle- gene Einsicht oder persönliches Ansehen gab, ich schließlich die bedeu- tendsten Männer als Verbündete für die Verteidigung des Staates verlo- ren hatte, gab ich mich weder den Ängsten hin, durch die ich aufgezehrt worden wäre, wenn ich ihnen nicht widerstanden hätte, noch umgekehrt den Vergnügungen, die eines gebildeten Menschen unwürdig sind.

[3] Und wäre doch der Staat in seiner anfänglichen Verfassung bestehen geblieben und nicht in die Hände von Menschen geraten, die nicht so sehr nach einer Reform als vielmehr nach einem Umsturz der Verhältnisse strebten! Als erstes nämlich würden wir, wie wir es zu tun pflegten, als die Republik noch bestand, mehr Mühe auf die Tätigkeit als Redner denn auf das Schreiben verwenden, sodann nicht das schriftlich aufzeichnen, was wir jetzt verschriftlichen, sondern unsere Vorträge, wie wir es oft getan haben. Als aber der Staat, auf den ich gewöhnlich meine ganze Sorge, mein Denken und meine Mühen richtete, überhaupt nicht mehr existierte, verstummte selbstverständlich jenes Wort auf dem Forum und im Senat.

[4] Weil ich aber etwas tun musste, glaubte ich, da ich mich vom Beginn meines Lebens an mit diesen Studien beschäftigt hatte, ich könne meine Verbitterung auf eine sehr ehrenhafte Weise los- werden, falls ich mich wieder der Philosophie zuwenden würde. Während ich ihr in meiner Jugend viel Zeit gewidmet hatte, um zu lernen, stand für die Philosophie, nachdem ich die Ämterlaufbahn einzuschlagen be- gonnen und mich ganz in den Dienst des Gemeinwesens gestellt hatte, so viel Raum zur Verfügung, wie von dem Zeitaufwand für Freunde und Senat übrig geblieben war. Diese Zeit wurde vollständig mit Lesen zugebracht; Muße für das Schreiben gab es nicht.

[5] Trotz der größten Übel also glauben wir des Guten so viel erreicht zu haben, dass wir das schriftlich aufzeichnen konnten, was unseren Leuten einerseits nicht hinreichend bekannt, andererseits aber in hohem Maße des Kennenlernens würdig war. Was nämlich ist, bei den Göttern, wünschenswerter als die Weisheit, was vortrefflicher, was besser für den Menschen, was eines Menschen würdiger? Diejenigen also, die diese erstreben, werden Philosophen genannt, und nichts anderes ist die Phi- losophie, wenn man das Wort übersetzen will, als das Streben nach Weisheit. Die Weisheit aber ist, wie von den alten Philosophen definiert worden ist, das Wissen um die göttlichen und menschlichen Dinge und um die Ursachen, von denen diese Dinge abhängig sind; ich verstehe allerdings nicht recht, was nach Meinung desjenigen, der das Streben nach Weisheit tadelt, überhaupt noch lobenswert ist.

[6] Denn sei es, dass angenehme Zerstreuung gesucht wird und Erholung von Sorgen, wie kann dies mit den Bemühungen derer verglichen werden, die immer etwas erforschen, was auf ein gutes und glückliches Leben abzielt und für dieses bedeutsam ist? Sei es, dass das Denken auf Standhaftigkeit und Tugend gerichtet wird, so ist es entweder dieses methodische Vor- gehen oder überhaupt keines, durch das wir diese erfassen. Zu sagen, dass es für die höchsten Fragen kein methodisches Vorgehen gebe, wohl aber für die niedrigsten, zeugt von Menschen, die zu wenig besonnen reden und sich in den höchsten Fragen irren. Wenn es aber auch nur ir- gendeine Anleitung zur Tugend gibt, wo wird man diese dann suchen, sobald man sich von dieser Art des Lernens verabschiedet hat? Aber wenn wir zur Philosophie ermuntern, werden diese Fragen gewöhnlich sorgfältiger erörtert, was wir in einem ganz anderen Buch getan haben. Im gegenwärtigen Augenblick aber mussten wir nur darlegen, warum wir uns, des politischen Wirkungskreises beraubt, hauptsächlich dieser Be- schäftigung gewidmet hatten.

[7] Es wird uns aber, und zwar von gelehrten und gebildeten Menschen, mit der Frage entgegengetreten, ob wir konsequent genug zu handeln glaubten, da wir doch, obwohl wir der Meinung seien, dass nichts klar erfasst werden könne, dennoch andere Dinge zu erörtern gewohnt seien und zu eben diesem Zeitpunkt den Vorschriften über pflichtgemäßes Handeln bis ins Einzelne nachgingen. Wäre ihnen doch unsere Anschau- ung hinreichend bekannt! Wir sind nämlich nicht von der Art, dass wir ziellos umherirren und niemals bestimmte Grundsätze besitzen. Denn wie wäre es um unsere Geisteshaltung oder vielmehr Lebensführung be- stellt, wenn nicht nur die Dialektik, sondern auch die Ethik aufgehoben würde? Wie die Übrigen sagen, das eine sei sicher, das andere unsicher, so meinen wir hingegen, indem wir diesen widersprechen, das eine sei wahrscheinlich, das andere gegenteilig.

[8] Was ist das also, was mich abhält, dem, was mir billigenswert erscheint, zu folgen, das Gegenteilige zu verwerfen und die Anmaßung, feste Behauptungen aufzustellen, meidend dem Vorwurf der Unbedachtsamkeit zu entgehen, die der Weisheit am meisten widerspricht. Gegen alles aber stellen die Unsrigen Er-örterungen an, weil eben dieses Wahrscheinliche nicht ans Licht treten könne, wenn nicht ein Streit der Standpunkte aus beiden Richtungen stattgefunden habe. Aber diese Themen sind in unseren Academica, wie ich glaube, sorgfältig genug dargestellt. Dass dir nämlich, mein Cicero, obwohl du dich mit der altehrwürdigsten und vortrefflichsten Philoso- phie unter der Anleitung des Cratippos beschäftigst, der denjenigen sehr ähnlich ist, die jene Lehre begründet haben, dennoch diese unsere Position, die eurer nahe steht, unbekannt ist, wollte ich nicht. Aber jetzt wollen wir unser Vorhaben beginnen.

Hauptteil: Das Nützliche und die daraus entstehenden Pflichten (9-87)

9-10 Das Sittlichgute ist zugleich das Nützliche

[9] Fünf Gesichtspunkte also waren für die genaue Untersuchung der Frage nach dem rechten Handeln festgelegt worden, von denen sich zwei auf die Schicklichkeit und das Sittliche beziehen, zwei auf die Annehmlichkeiten des Lebens, Reichtum, Einfluss und materielle Mittel, der fünfte auf das richtige Urteil bei der Wahl, wenn einmal die Punkte, die ich genannt habe, einander zu widersprechen scheinen; von diesen Prinzipien ist nun der Teil, der das Sittliche betrifft, erschöpfend behandelt, der dir sicher, wie ich es wünsche, sehr bekannt ist. Unser jetziges Thema aber ist genau das, was das Nützliche genannt wird. In Bezug auf dieses Wort ist der Sprachgebrauch in die Irre gegangen, vom rechten Weg abgewichen und allmählich dahin geraten, dass er, das Sittliche vom Nutzen trennend, die Behauptung aufstellte, sittlich sei etwas, was nicht nützlich, und nützlich, was nicht sittlich sei, das größte Verderben, das dem Leben der Menschen beigebracht werden konnte.

[10] Mit höchster Autorität trennen die Philosophen theoretisch im strengen Wortsinn des Sittlichen diese drei untereinander verschmolzenen Bereiche. Denn alles Rechtmäßige ist meiner Meinung nach auch nützlich und ebenso das Sittliche zugleich rechtmäßig, woraus sich ergibt, dass alles, was sittlich, zugleich nützlich ist. Diejenigen, die diese Wahrheit zu wenig durchschauen, halten, weil sie oft verschlagene und geriebene Menschen bewundern, Arglist für Weisheit. Diesen Leuten muss man ihren Irrtum nehmen, und diesen allgemeinen Wahn gilt es in die Hoffnung umzuwandeln, sie möchten erkennen, dass sie das, was sie wollen, durch ehrenhafte Pläne und rechtmäßige Taten erreichen können, nicht durch Betrug und Arglist.

11-16 Am meisten Nutzen zieht der Mensch vom Menschen

[11] Was also die Erhaltung des Lebens der Menschen betrifft, so gibt es teils Lebloses, wie z.B. Gold, Silber, wie das, was aus der Erde hervorgebracht wird, wie anderes derselben Art, teils Belebtes, das seine eigenen Triebe und Strebungen hat. Von dem Belebten aber ist das eine ohne Vernunft, das andere gebraucht die Vernunft. Ohne Vernunft sind die Pferde, die Rinder, das übrige Kleinvieh und die Bienen, durch deren Dienstleistung etwas bewirkt wird zum Nutzen und für das Leben der Menschen. Von den Wesen aber, welche die Vernunft gebrauchen, nehmen sie zwei Arten an; die eine Art sind die Götter, die andere die Menschen. Frömmigkeit und unsträflicher Lebenswandel werden die Götter gnädig stimmen; unmittelbar nach den Göttern aber können die Menschen den Menschen am nützlichsten sein.

[12] Und ebenso gibt es hinsichtlich der Dinge, die schaden und hinderlich sind, dieselbe Einteilung. Aber weil sie nicht glauben, dass die Götter schaden, sehen sie von diesen ab und glauben, dass die Menschen den Menschen den größten Schaden zufügen. Denn genau die Dinge, die wir die leblosen genannt haben, sind zum größten Teil durch die Tätigkeit der Menschen bewirkt worden; diese besäßen wir nicht, wenn nicht Menschenhand und Technik hinzugekommen wären, und auch würden wir sie nicht ohne das Zutun der Menschen gebrauchen. Denn weder die Sorge um die Gesundheit noch die Schifffahrt, weder der Ackerbau noch die Ernte und die Aufbewahrung der Feldfrüchte samt der übrigen Früchte wären ohne die Tätigkeit von Menschen überhaupt möglich gewesen.

[13] Sogar die Ausfuhr derjenigen Güter, die wir im Überfluss haben, und die Einfuhr solcher, die wir entbehren, gäbe es überhaupt nicht, wenn Menschen nicht diese Aufgaben ausführten. Aus demselben Grund würden weder Steine aus der Erde herausgebrochen, die für unseren Bedarf notwendig sind, noch Eisen, Erz, Gold und Silber, tief im Schoß der Erde geborgen, ohne Arbeit von Menschenhand ausgegraben. Häuser vollends, um durch sie die Macht der Kälte und die Belästigungen durch Hitze zu mildern - von wem hätten sie am Anfang dem Menschengeschlecht gegeben werden oder wodurch hät- ten sie später helfen können, falls sie durch die Gewalt eines Unwet- ters, durch ein Erdbeben oder infolge ihres Alters eingestürzt wären, wenn nicht die Lebensgemeinschaft es gelernt hätte, von den übrigen Menschen Hilfe gegen solche Unfälle zu erbitten?

[14] Dazu kommen noch Wasserleitungen, Ableitungen von Flüssen, Bewässerungen von Fel- dern, Dämme gegen Überflutung, künstliche Hafenanlagen: Woher könnten wir dies alles ohne menschliche Arbeit haben? Aus diesem und vielem anderem wird klar, dass wir den Gewinn und den Nutzen, der aus dem, was leblos ist, gezogen wird, in keiner Weise ohne die Tätigkeit menschlicher Hände hätten haben können. Welchen Gewinn schließlich oder welcher Vorteil könnte aus den Tieren gezogen werden, wenn nicht Menschen ihre Dienste leisteten? Denn diejenigen, die zuerst darauf kamen, welchen Nutzen wir von jedem einzelnen Tier haben können, sind sicherlich Menschen gewesen, und auch heutzutage könnten wir diese ohne menschliche Tätigkeit weder zähmen noch weiden noch schützen und keine Vorteile zur rechten Zeit aus ihnen ziehen; und von denselben Menschen werden die Tiere, die schaden, getötet und die, welche nützlich sein können, gefangen.

[15] Wozu soll ich die Vielzahl der Künste aufzählen, ohne die das Leben überhaupt keines hätte sein können? Auf welche Weise nämlich würde man den Kranken Beistand leisten, welchen Genuss gäbe es für die Gesunden, welche Nahrung und Kleidung, wenn uns nicht so viele Künste die Dinge verschafften, durch die sich das verfeinerte Leben der Menschen so sehr von der Lebensweise und Lebensart der Tiere unterscheidet. Die Städte aber hätten ohne die Zusammenkunft der Menschen weder erbaut noch bevölkert werden können, wodurch sich Gesetze und Sitten, alsdann eine gerechte Verteilung der Rechte und eine bestimmte Ordnung der Lebensführung konstituierten; hierauf folgten Milde des Charakters und Gefühl für Anstand, und es wurde erreicht, dass das Leben gesicherter war und wir durch Geben und Nehmen sowie durch wechselseitigen Austausch von Möglichkeiten und Vorteilen nichts zu entbehren brauchten.

[16] An dieser Stelle sind wir ausführlicher, als es notwendig ist. Denn wen gibt es, dem jenes nicht klar ist, was mit mehreren Worten von Panaitios erwähnt wird, dass niemand weder als Feldherr noch als Politiker große und heilbringende Taten ohne eifrige Beteiligung der Mitbürger hätte ausführen können. Angeführt werden von ihm Themistokles, Perikles, Kyrus, Agesilaus und Alexander, die, wie er sagt, ohne Hilfe durch Menschen so bedeutende Dinge nicht hätten bewirken können. Er bedient sich bei einem nicht ungewissen Sachverhalt nicht notwendiger Zeugen. Und wie wir großen Nutzen mittels Einigkeit und Übereinstimmungen von Menschen erlangen, so gibt es kein auch noch so abscheuliches Unheil, das nicht einem Menschen durch einen anderen erwächst. Es gibt über den Untergang von Menschen ein Buch des Dikaiarchos, eines berühmten und beredten Peripatetikers, der, nachdem er sonstige Ursachen hierfür gesammelt hat, nämlich Überschwemmung, Pest, Verödung und auch wilde Tiere, die plötzlich überhand nehmen, durch deren Angriff, wie er lehrt, einige Menschengeschlechter vernichtet worden seien, sodann vergleichend feststellt, wie viel mehr Menschen durch den Angriff von Menschen ausgelöscht worden sind, d.h. durch Kriege oder Aufstände, als durch jede übrige Katastrophe.

17-20 Die Tugend muss alle zusammenschließen

[17] Weil also dieser Punkt keinen Zweifel zulässt, dass die Menschen den Menschen am meisten nützen und schaden, halte ich es für eine wesentliche Aufgabe der Tugend, Menschen zu verbinden und ihren Zwecken dienstbar zu machen. Daher wird das, was bei Leblosem und bei der Verwendung sowie Behandlung von Tieren in nützlicher Weise für das Leben der Menschen geschieht, dem Handwerk zugeschrieben; der Eifer der Menschen aber, welcher dazu bereit und entschlossen ist, unser Glück zu vermehren, wird durch die Weisheit und Tugend vortrefflicher Männer geweckt.

[18] Denn die Tugend beruht in Gänze auf ungefähr drei Bereichen, von denen der erste in der Erkenntnis dessen besteht, was in jeder Sache wahr und unverfälscht ist, was mit ihr vereinbar, was folgerichtig ist, woraus alles entsteht, welches der Grund einer jeden Sache ist; der zweite Bereich zielt darauf ab, unkontrollierte Gemütsbewegungen, welche die Griechen páqh nennen, zu zügeln und die Triebe, welche jene o™rmaí nennen, der Vernunft zu unterwerfen; der dritte Bereich beruht darauf, diejenigen, mit denen wir Umgang haben, besonnen und einsichtsvoll zu behandeln, damit wir durch ihre Geneigtheit unsere natürlichen Bedürfnisse völlig befriedigen, durch dieselben, falls uns ein Unglück zugefügt wird, diejenigen abwehren und uns an denen rächen, die versucht haben, uns zu schaden, und sie mit einer solchen Strafe belegen, wie Billigkeit und Humanität es zulassen.

[19] Mit welchen Mitteln wir aber diese Fähigkeit erwerben können, dass wir die Zuneigung der Menschen gewinnen und festhalten, werden wir sagen, und zwar nicht so viel später, aber weniges ist noch vorauszuschicken. Dass dem Glück in doppelter Hinsicht eine große Bedeutung zukommt, bezüglich des Wohls und Wehe der Menschen, wer weiß das nicht? Denn wenn wir uns seines günstigen Wehens erfreuen, kommen wir zu den gewünschten Zielen, und wenn das Glück entgegenweht, scheitern wir. Dieses Glück selbst also bringt sonstige ziemlich seltene Wechselfälle mit sich, erstens infolge elementarer Ereignisse Stürme, Unwetter, Schiffbrüche, Stürze, Brände, zweitens durch Tiere verursachte Stöße, Bisse, Angriffe. Diese Vorkommnisse sind, wie ich gesagt habe, seltener.

[20] Aber der Untergang von Heeren, wie jüngst von dreien, oft von vielen, die Niederlagen von Feldherrn, wie neulich die eines sehr hochstehenden und einzigartigen Mannes, außerdem Hassausbrüche der Menge und deswegen Vertreibungen von Bürgern, die sich oft verdient gemacht haben, Verurteilungen und freiwillige Flucht, andererseits glückliche Verhältnisse, Ehren, Befehlsgewalten und Siege - sie alle können, obwohl sie in der Hand des Glücks liegen, dennoch in keinerlei Hinsicht ohne Einfluss und Mitwirkung von Menschen herbeigeführt werden. Nachdem dieses also erkannt ist, muss gesagt werden, auf welche Weise wir die Zuneigung der Menschen zu unserem Nutzen gewinnen und wecken können. Wenn diese Rede allzu lang ist, könnte sie mit der Größe ihres Nutzens verglichen werden; so wird sie vielleicht sogar zu kurz erscheinen.

21-85 Motive der Menschen, anderen zu nützen

21 Überblick

[21] Alles also, was die Menschen dem Menschen zukommen lassen, um ihn zu fördern und zu ehren, tun sie entweder aus persönlichem Wohlwollen, wenn sie aus irgendeinem Grunde jemanden lieben, oder aus Hochachtung, falls sie zu jemandes Tugend aufblicken und glauben, er verdiene eine möglichst angesehene Stellung, falls sie jemandem Vertrauen schenken und meinen, er sorge gut für ihre Belange, falls sie jemandes Macht fürchten oder, im Gegenteil, von irgendwelchen etwas erwarten, z.B. wenn Könige oder Demokraten irgendwelche Spenden in Aussicht stellen, oder sie lassen sich schließlich von Geld und Lohn leiten, was gewiss der schmutzigste Beweggrund ist und äußerst schändlich für diejenigen, die sich dadurch fangen lassen, und für jene, die sich hierin zu flüchten versuchen.

22-30 Liebe und Furcht

[22] Denn es steht schlecht, wenn das, was durch Tugend bewirkt wer- den müsste, mit Geld probiert wird, aber da manchmal diese Stütze not- wendig ist, werden wir sagen, wie sie zu gebrauchen ist, wenn wir zu- vor über das gesprochen haben, was der Tugend näher liegt. Und die Menschen unterwerfen sich sogar dem Befehl und der Macht eines anderen aus mehreren Gründen. Sie lassen sich nämlich durch Wohlwollen leiten oder durch die Größe der Verdienste, durch eine vortreffliche Würdenstellung oder durch die Hoffnung, dieses werde für sie nützlich sein, sowie die Furcht, sie könnten gewaltsam zum Gehorsam gezwungen werden; oder sie lassen sich von der Hoffnung auf eine Spende und von Versprechen vereinnahmen oder schließlich, wie wir es oft in unserem Staat sehen, durch Geld dingen.

[23] Von allen Mitteln aber ist keines geeigneter zur Sicherung und Behauptung der Macht als geliebt zu werden und keines unangebrachter als gefürchtet zu werden. Vortrefflich nämlich sagt Ennius: ”Wen sie fürchten, hassen sie; jeder trachtet danach, dass derjenige, den er hasst, auch zugrunde geht.“ Dass aber dem Hass vieler keine Macht zu widerstehen vermag, hat man, falls es zuvor unbekannt gewesen ist, neulich erfahren. Aber nicht nur der Untergang dieses Tyrannen, den die mit Waffen unterdrückte Bürgerschaft ertragen musste und dem sie jetzt mehr denn je nach seinem Tod gehorcht, zeigt, wie sehr der Hass der Mitmenschen ins Verderben führt, sondern auch ähnliche Schicksale der übrigen Tyrannen, von denen fast niemand einem solchen Ende entgangen ist. Denn die Furcht ist auf Dauer ein schlechter Wächter, und dagegen kann man sich auf Wohlwollen fest verlassen, sogar für immer.

[24] Aber gegen diejenigen, die über gewaltsam unterdrückte Menschen herrschen, mag mit Grausamkeit vorzugehen sein, wie z.B. gegen die, welche über Sklaven gebieten, wenn sie anders nicht in Zucht gehalten werden können; hingegen kann nichts törichter sein als diejenigen, die sich in einem freien Staat so ausrüsten, dass sie gefürchtet werden. Denn wie sehr auch die Gesetze durch irgendjemandes Macht verschüttet sind, wie sehr auch die Freiheit eingeschüchtert ist: dennoch treten diese Mächte bisweilen zutage entweder durch stillschweigende Verurteilungen oder in geheimen Abstimmungen über die Ehre. Die Angriffe unterdrückter Freiheit aber sind heftiger als die bewahrter Freiheit. Was also weiteste Geltung besitzt und nicht nur für die persönliche Sicherheit, sondern auch für Macht und Gewalt von größter Bedeutung ist, das wollen wir festhalten, damit die Furcht vor uns fern ist, die Liebe zu uns erhalten bleibt. So werden wir sehr leicht das erreichen, was wir im privaten Bereich und in der Politik wünschen. Denn es ist notwendig, dass diejenigen, die gefürchtet werden wollen, ihrerseits selbst eben die fürchten, von denen sie gefürchtet werden.

[25] Was denn? Von welcher qualvollen Furcht wurde, wie wir glauben müssen, jener bekannte Dionysius der Ältere fortwährend gequält, der sich aus Angst vor Rasiermessern mit glühender Kohle den Bart absengte? Ferner, in welchem Bewusstsein hat nach unserer Meinung Alexander aus Pherai gelebt? Obwohl dieser seine Frau Thebe sehr liebte, befahl er dennoch - wie wir in einer Darstellung lesen -, wenn er zu ihr vom Mahl ins Schlafgemach kam, einem Barbaren, und zwar einem, der, wie geschrieben steht, mit thrakischen Zeichen tätowiert war, mit gezogenem Schwert vorauszugehen, und er schickte von seinen Begleitern einige vorweg, welche die Schatullen seiner Frau durchsuchen und ermitteln sollten, dass nicht eine Waffe in ihrer Kleidung versteckt wäre. Welch unglücklicher Mensch, da er glaubte, ein Barbar und Tätowierter sei zuverlässiger als die Ehefrau. Er täuschte sich nicht; denn von ihr selbst wurde er wegen des Verdachts auf Umgang mit einer Nebenfrau getötet. Und tatsächlich ist keine Befehlsgewalt so stark, dass sie, sobald Furcht sie bedrängt, langdauernd sein könnte.

[26] Ein Zeuge ist Phalaris, dessen Grausamkeit mehr als die übrigen berühmt wurde, der nicht aufgrund eines Hinterhalts umgekommen ist, wie derjenige, den ich soeben genannt habe, Alexander, nicht von wenigen getötet wurde, wie der Unsrige hier, sondern auf den die gesamte Menge der Agrigentiner einen Angriff machte. Ferner, haben nicht die Makedonen Demetrius verlassen und sich alle auf Pyrrhus‘ Seite geschlagen? Ferner, haben nicht plötzlich fast alle Verbündeten die ungerecht herrschenden Lakedaimonier im Stich gelassen und sich als müßige Zuschauer der Niederlage bei Leuktra erwiesen? An Beispiele des Auslandes erinnere ich mich lieber in einem solchen Zusammenhang als an solche aus Rom. Aber so viel muss ich doch sagen: Solange die Herrschaft des römischen Volkes auf Wohltaten beruhte und nicht auf Unrecht, solange Kriege entweder zum Schutz der Bundesgenossen oder zur Sicherung des Reiches geführt wurden, waren die Ergebnisse der Kriege entweder erträglich oder unvermeidbar, war der Senat Schutz und Zufluchtsort für Könige, Völker und Stämme, bemühten sich weiter unsere Magistrate und Feldherrn, nur wegen dieser einen Tat Lob zu empfangen, wenn sie Provinzen, wenn sie Verbündete gerecht und gewissenhaft verteidigt hatten.

[27] Daher konnte jenes richtiger Schutzherrschaft des Erdkreises genannt werden als Oberherrschaft. Allmählich ließen wir schon früher diese Gewohnheit und Selbstzucht verfallen, nach dem Sieg Sullas aber haben wir sie völlig aufgegeben; denn nicht länger hatte man den Eindruck, etwas sei ungerecht gegenüber den Bundesgenossen, nachdem eine so große Grausamkeit gegen Mitbürger hervorgetreten war. Also folgte, was jenen betrifft, einer gerechten Sache eine nicht ehrenhafte Nutzung des Sieges. Denn er erdreistete sich bei der öffentlichen Versteigerung zu sagen, als er auf dem Forum die Vermögen guter und wohlhabender Männer und gewiss auch Bürger verkaufte, er verkaufe seine Kriegsbeute. Es folgte jemand, der in einer ungerechten Sache, bei einem noch ehrloseren Sieg, nicht das Vermögen einzelner Bürger beschlag- nahmte, sondern ganze Provinzen und Gebiete in den gleichen jammer- vollen Zustand versetzte.

[28] Daher sahen wir, nachdem ausländische Völker misshandelt und zugrunde gerichtet worden waren, dass als Beispiel für den Verlust des Reiches ein Bild von Massilia im Triumph einhergetragen und über die Stadt triumphiert wurde, ohne die unsere Feldherrn niemals in den Kriegen jenseits der Alpen einen Triumph fei- erten. Viele Verbrechen gegen die Bundesgenossen würde ich außerdem erwähnen, wenn die Sonne etwas Unwürdigeres als dieses eine gesehen hätte. Zu Recht also büßen wir. Denn wenn wir die Verbrechen vieler nicht straflos hätten hingehen lassen, wäre niemals eine solche Will- kürherrschaft zu einem einzigen gelangt, von dem das Erbe seines Ver- mögens auf wenige übergegangen ist, das Erbe seiner Begierden aber auf viele Ruchlose.

[29] Niemals aber werden die Ursache und der Grund für Bürgerkriege abhanden gekommen sein, solange sich ruchlose Menschen an jene blutige Lanze erinnern und auf sie hoffen werden; nachdem P. Sulla diese unter der Diktatur seines Verwandten geschwungen hatte, entfernte sich derselbe sechsunddreißig Jahre später nicht von einer noch ver- ruchteren Lanze; ein anderer Sulla aber, der in jener Diktatur Schreiber gewesen war, war in dieser städtischer Quaestor. Hieraus ist zu ersehen, dass Bürgerkriege, solange solche Belohnungen in Aussicht stehen, niemals fehlen werden. Und so bleiben nur noch die Mauern der Stadt bestehen - und sogar diese fürchten schlimmste Verbrechen - die republikanische Verfassung aber haben wir völlig verloren. Und in diese Katastrophen geraten wir - wir müssen nämlich zum Thema zurückkehren -, solange wir lieber gefürchtet werden wollen als geschätzt und geliebt. Wenn dieses dem römischen Volk, als es ungerecht herrschte, widerfahren konnte, womit müssen dann die Einzelnen rechnen? Da also klar ist, dass der Einfluss des Wohlwollens groß, der der Furcht schwach ist, folgt daraus, dass wir erörtern, mit welchen Mitteln wir sehr leicht die gewünschte Liebe erlangen, die sich auf Ehre und Vertrauen gründet.

[30] Aber dieser bedürfen nicht alle in gleicher Weise; denn nach der Lebensgestaltung eines jeden hat es sich zu richten, ob es nötig ist, von vielen, oder ob es ausreicht, von wenigen geliebt zu werden. Dieses also dürfte sicher sein und dies das Erste und Notwendigste, zuverlässige Freundschaften mit Freunden zu haben, die uns lieben und unsere Vorzü- ge anerkennen. Denn dieses ist geradezu der einzige Punkt, der wenig Unterschied lässt zwischen Männern aus dem höchsten und dem mitt- leren Stand, und hierum müssen sich beide fast in gleicher Weise bemühen.

[31] Ehre, Ruhm und Wohlwollen von Mitbürgern brauchen viel- leicht nicht alle gleichermaßen, aber dennoch helfen sie beträchtlich, falls sie jemandem zur Verfügung stehen, um sich das Übrige sowie Freundschaften zu erwerben.

31-51 Vertrauen und Ruhm

31-34 Gerechtigkeit erweckt Vertrauen

Aber über die Freundschaft wurde in einem anderen Buch gesprochen, das mit ’Laelius‘ betitelt ist; nun wollen wir über den Ruhm sprechen, obwohl es auch hierüber zwei Bücher von uns gibt, aber wir wollen uns mit dem Ruhm befassen, da er ja bei höheren Aufgaben sehr viel Hilfe leistet. Also beruht der höchste und vollkommene Ruhm auf folgenden drei Vorbedingungen: falls die Menge liebt, falls sie Zutrauen hat, falls sie mit einer gewissen Bewunderung glaubt, dass wir Ehre verdienen. Aber diese Dinge verschafft man sich bei der Menge, wenn man offen und knapp sprechen soll, mit fast denselben Mitteln wie bei den Einzelnen. Aber es gibt auch gleichsam einen anderen Zugang zur Menge, damit wir in die Herzen aller sozusagen hineinströmen können.

[32] Zuerst wollen wir von jenen drei Vorbedingungen, die ich zuvor genannt habe, die Regeln bedenken, die das Wohlwollen betreffen; dieses Wohlwollen wird zwar besonders durch Wohltaten erworben, an zweiter Stelle aber schon durch den guten Willen zum Wohltun hervorgerufen, auch wenn die Geldmittel vielleicht nicht ausreichen; heftig aber wird die Liebe der Menge schon durch den Ruf und den Glauben geweckt, man sei freigebig, wohltätig, gerecht und treu und verfüge über all die Tugenden, die zu einem sanftmütigen und umgänglichen Charakter gehören. Denn weil jenes selbst, das, wie wir sagen, ehrenhaft und geziemend sei, uns an sich schon gefällt, durch seine natürliche Schönheit alle beeindruckt und besonders aus den Tugenden gleichsam hervorstrahlt, die ich erwähnt habe, deswegen werden wir von der Natur selbst gezwungen, jene zu lieben, die nach unserer Meinung diese Tugenden besitzen. Und dieses sind die gewichtigsten Gründe zu lieben; außerdem nämlich kann es einige unbedeutendere geben.

[33] Dass aber Vertrauen geschenkt wird, kann durch zwei Weisen bewirkt werden, wenn man glauben wird, dass wir Klugheit verbunden mit Gerechtigkeit erlangt haben. Denn wir schenken denjenigen Vertrauen, die, wie wir glauben, klüger sind als wir und die nach unserer Ansicht die Zukunft vorhersehen und, wenn es zu handeln gilt und man sich entscheiden muss, eine Sache durchführen sowie einen Plan nach Lage der Umstände fassen können; denn dieses halten Menschen für eine nützliche und wahre Klugheit. Gerechten Menschen aber, d.h. guten Männern, wird unter der Bedingung Vertrauen geschenkt, dass es bei ihnen keinen Verdacht auf Täuschung und Unrecht gibt. Daher glauben wir, dass diesen unser Wohl, diesen unser Glück, diesen unsere Kinder mit vollem Recht anvertraut werden.

[34] Von diesen zwei Tugenden also vermag die Gerechtigkeit mehr für den Erwerb des Vertrauens, da diese auch ohne Klugheit über genug Ansehen verfügt; Klugheit ohne Gerechtigkeit vermag nichts für den Erwerb des Vertrauens. Denn je schlauer und gewandter jemand ist, um so verhasster und verdächtiger ist er, wenn er den guten Ruf der Rechtschaffenheit verloren hat. Deswegen wird Gerechtigkeit verbunden mit Einsicht unbegrenzte Mittel haben, um Vertrauen zu erwerben, Gerechtigkeit ohne Klugheit wird viel vermögen, Klugheit ohne Gerechtigkeit hingegen nichts.

35-38 Der Gerechte erwirbt Ruhm

[35] Aber damit sich niemand wundert, warum ich, obwohl es unter allen Philosophen bekannt ist und von mir selbst oft erörtert worden ist, dass derjenige, der eine Tugend besitzt, alle hat, nun so trenne, als ob jemand gerecht sein kann, der nicht zugleich klug ist: Etwas anderes ist jene Genauigkeit, wenn die Wahrheit an sich in einer Disputation untersucht wird, wieder etwas anderes ist es, wenn die Rede ganz der allgemeinen Vorstellung angepasst wird. Deswegen wollen wir wie das Volk an dieser Stelle so sprechen, dass wir sagen, die einen seien tapfere, die anderen gute Männer, wieder andere kluge. Denn mit allgemein verbreiteten und gewöhnlichen Worten muss man zu Werke gehen, wenn wir über die allgemeine Vorstellung sprechen, und dieses tat Panaetius in derselben Weise. Aber wir wollen zum Thema zurückkehren.

[36] Also bestand von den drei Punkten, die nach unserer Ansicht den Ruhm betreffen, dieser dritte darin, dass die Leute uns bewundern und wir deshalb als der Ehre würdig erachtet wurden. Jene bewundern also im Allgemeinen alles, was sie als bedeutend und ihre Erwartung übertreffend wahrgenommen haben, hingegen im Besonderen, wenn sie bei Einzelnen ganz unvermutete Vorzüge erkennen. Daher verehren sie die- jenigen Männer und preisen sie mit dem größten Lob, bei denen sie, wie sie meinen, ganz herausragende und einzigartige Tugenden erkennen; sie schauen aber auf diejenigen herab und verachten sie, bei denen es, wie sie glauben, keine Tugend, keinen Mut, keine Energie gibt. Denn sie ver- achten nicht all die, von denen sie eine schlechte Meinung haben. Denn diejenigen, die sie für schlecht, verleumderisch und arglistig halten und für geeignet, Unrecht zu begehen, verachten sie zwar keineswegs, aber sie haben von ihnen eine schlechte Meinung. Deswegen werden, wie ich zuvor gesagt habe, diejenigen verachtet, die ’weder für sich noch für andere‘ (etwas taugen), wie es heißt, bei denen es keine Anstrengung, keinen Fleiß, keine Sorgfalt gibt.

[37] Es werden aber diejenigen bewundert, die, wie man glaubt, die Übrigen an Tugend übertreffen und frei von jeder Schande sind, besonders aber von den Lastern, denen andere kaum widerstehen können. Denn die Freuden, die schmeichlerischsten Gebieterinnen, bringen den größten Teil der Menschen von der Tugend ab, und die Meisten lassen sich, wenn sich brennende Schmerzen nähern, übermäßig erschrecken; Leben, Tod, Reichtum und Armut beeindrucken alle Menschen aufs Ärgste. Diejenigen, die diese Dinge weder fürchtend noch begehrend mit einer erhabenen und hohen Gesinnung verachten und die sich, wenn sich ihnen irgendetwas Bedeutendes und Ehrenhaftes bietet, diesem ganz zuwenden und mitreißen lassen: Wer sollte da nicht den Glanz und die Schönheit der Tugend bewundern?

[38] Also erregt diese Verachtung große Bewunderung, und besonders die Gerechtigkeit, welches hauptsächlich die Tugend ist, nach der Männer als gut bezeichnet werden, scheint der Menge ganz wunderbar zu sein, und nicht zu Unrecht. Niemand nämlich kann gerecht sein, der den Tod, der den Schmerz, der das Exil, der bittere Armut fürchtet oder der das, was diesem entgegengesetzt ist, der Gerechtigkeit vorzieht. Und besonders bewundern sie denjenigen, der sich nicht durch Geld beeinflussen lässt; der Mann, bei dem diese Eigenschaft erkennbar ist, hat nach ihrer Meinung die Feuerprobe bestanden. Daher vollendet die Gerechtigkeit jene drei Vorbedingungen für das Erwerben von Ruhm zur Gänze, erstens das Wohlwollen, weil sie, die Gerechtigkeit, den meisten nützen will, zweitens aus demselben Grund das Vertrauen und drittens die Bewunderung, weil sie das verachtet und vernachlässigt, zu dem die meisten sich begierig hinreißen lassen.

39-43 Gerechtigkeit braucht sogar der Einsame, besonders aber ein Staat

[39] Meiner Meinung nach verlangt jede Weise und Einrichtung des Lebens die Hilfe von Menschen, und zwar in erster Linie zu dem Zweck, dass der Mensch welche hat, mit denen er vertrauliche Gespräche führen kann; dieses ist schwierig, wenn man nicht den Eindruck eines anständigen Menschen macht. Also ist sogar für einen alleinstehenden Menschen und für jemanden, der sein Leben auf dem Land verbringt, der Ruf, ein gerechter Mann zu sein, notwendig, und zwar um so mehr, weil sie, falls sie die Gerechtigkeit nicht haben werden, durch keinen Beistand geschützt sind und vielerlei Unrecht erleiden werden.

[40] Und selbst für diejenigen, die verkaufen, kaufen, mieten, verpachten und sich auf den Abschluss von Geschäften einlassen, ist für ihre Zwecke die Gerechtigkeit notwendig, deren Macht so groß ist, dass nicht einmal jene, die an Übeltaten und Verbrechen ihre Freude haben, ohne ein Quäntchen Gerechtigkeit zu leben vermögen. Denn derjenige, der irgendeinem von denen, die gemeinsam mit ihm Räuberei treiben, etwas entwendet oder entreißt, kann für sich keinen Platz in der Räuberbande behaupten, jener aber, der Seeräuberführer genannt wird, dürfte, wenn er die Beute nicht gleichmäßig verteilt, entweder von seinen Kameraden getötet oder verlassen werden. Ja sogar unter Räubern soll es Gesetze geben, denen sie gehorchen, die sie beachten. Daher hatte wegen gerechter Verteilung der Beute Bardulis, ein illyrischer Räuber, über den bei Theopompos berich- tet ist, großen Reichtum und noch viel größeren Viriatus aus Lusitanien, dem sogar unsere Heere und Feldherrn nachgegeben haben, den C. Laelius, er, welcher ’der Weise‘ genannt wird, als Praetor demütigte und schwächte und dessen Übermut er so hemmte, dass dieser mühelos den anderen den Krieg überließ. Da also die Kraft der Gerechtigkeit so groß ist, dass diese sogar die Macht von Räubern stärkt und vermehrt, wie groß wird dann erst nach unserer Überzeugung ihr Einfluss unter Gesetzen und Gerichten und in einem ordentlichen Staatswesen sein?

[41] Mir jedenfalls scheinen nicht nur bei den Medern, wie Herodot sagt, sondern auch bei unseren Vorfahren, um die Vorteile der Gerechtigkeit zu genießen, einst wohlgesittete Könige eingesetzt worden zu sein. Denn als in ruhiger Zeit die Menge von denen bedrängt wurde, die größere Macht hatten, nahmen sie ihre Zuflucht bei einem Einzigen, der sich durch Tüchtigkeit auszeichnete und, indem er die Geringeren vor Unrecht schützte, durch Herstellung der Rechtsgleichheit die Höchsten und die Niedrigsten unter das gleiche Recht stellte. Der Grund für die Einführung der Gesetze war derselbe wie der für die Einsetzung der Könige.

[42] Das Recht ist nämlich immer als etwas gesucht worden, das für alle gleich ist; denn anders wäre es kein Recht. Wenn die Menschen dieses von einem einzigen gerechten und guten Mann erlangten, waren sie damit zufrieden; als dieses weniger gelang, wurden Gesetze gefunden, die mit allen immer mit ein und derselben Stimme sprachen. Also ist dieses klar, dass für die Herrschaft diejenigen gewöhnlich ausgewählt wurden, über deren Gerechtigkeit die Menge eine hohe Meinung hatte. Kam nun noch hinzu, dass dieselben auch für klug gehalten wurden, gab es nichts, was die Menschen auf deren Rat hin für unerreichbar hielten. Also ist die Gerechtigkeit auf jede Weise zu pflegen und zu bewahren sowohl um ihrer selbst willen - denn anders gäbe es keine Gerechtigkeit - als auch besonders wegen der Vermehrung von Ehre und Ruhm. Aber wie es eine Methode gibt, nicht nur Geld zu erwerben, sondern auch anzulegen, damit es für die laufenden Ausgaben ausreicht, nicht nur für die notwendigen, sondern auch für die standesgemäßen, so muss der Ruhm mit Methode gesucht und bewahrt werden.

[43] Allerdings sagte Sokrates vortrefflich, dass dies der nächste und gleichsam abgekürzte Weg zum Ruhm sei, wenn jemand darauf bedacht sei, derjenige zu sein, für den er gehalten werden möchte. Wenn also manche Leute glauben, sie könnten durch Heuchelei, leere Zurschaustellung und durch eine nicht nur heuchlerische Redeweise, sondern auch durch einen eben solchen Gesichtsausdruck dauerhaften Ruhm erlangen, irren sie gewaltig. Wahrer Ruhm schlägt Wurzeln und pflanzt sich sogar fort, alles Erlogene vergeht wie die Blüten, und nichts Erheucheltes kann ewig bestehen. Zeugen gibt es sehr viele für beide Richtungen, aber um der Kürze willen werden wir mit einer einzigen Familie zufrieden sein. Tiberius Gracchus nämlich, den Sohn des Publius, wird man so lange loben, wie die Erinnerung an die römische Geschichte Bestand haben wird, aber dessen Söhne machten sich zu ihren Lebzeiten bei den Rechtschaffenen nicht beliebt und gelten nach ihrem Tod als zu Recht ermordet. Wer also wah- ren Ruhm erlangen will, soll die Pflichten der Gerechtigkeit verrichten. Welches diese sind, ist im voraufgegangenen Buch gesagt worden.

44-47 Ruhm durch Krieg und moralische Leistung

[44] Aber damit wir sehr leicht so zu sein scheinen, wie wir sind, müssen dennoch, obwohl entscheidende Bedeutung gerade darin liegt, dass wir diejenigen sind, für die wir gehalten werden wollen, einige Weisungen gegeben werden. Denn wenn jemand von früher Jugend an die Anwartschaft auf einen gefeierten Namen hat, die er entweder von seinem Vater als Erbe empfangen hat, was dir, mein Cicero, wie ich glaube, zuteil geworden ist, oder durch Zufall und glückliche Umstände, richten sich die Augen aller auf ihn, und man erkundigt sich, was er tut und wie er lebt, und gleich als ob er sich im hellsten Licht befindet, kann weder eines seiner Worte noch eine seiner Taten verborgen bleiben.

[45] Sobald diejenigen aber, deren Tugend wegen ihrer niedrigen und unbedeutenden Herkunft den Leuten unbekannt ist, beginnen junge Männer zu sein, müssen sie sich große Ziele setzen und auf diese in unverrückbarem Streben hinarbeiten; dieses werden sie um so entschlossener tun, weil man ihnen jenes Alter nicht nur nicht neidet, sondern sogar gönnt. Für einen jungen Mann also ist der beste Schritt hin zum Ruhm, wenn dieser durch Leistungen im Krieg erworben werden kann, ein Ruhm, in dem sich viele bei unseren Vorfahren ausgezeichnet haben; denn fast immer werden Kriege geführt. Deine Jugend aber fiel in den Krieg, dessen eine Partei mit allzu großem Verbrechen verbunden war, dessen andere mit wenig Erfolg. Dennoch erlangtest du in diesem Krieg, weil Pompeius dich an die Spitze eines Reiterschwadrons gestellt hatte, gro-ßes Lob von dem höchsten Mann und dem Heer, indem du als Reiter dientest, den Wurfspieß warfst und mit aller militärischen Anstrengung Geduld zeigtest. Und dieses dein Lob ging zusammen mit dem Staat unter. Ich aber habe mich zu dieser Rede nicht deinetwegen entschlossen, sondern wegen des Gegenstandes im Allgemeinen. Deshalb wollen wir zu dem weitergehen, was noch aussteht.

[46] Wie also in den übrigen Bereichen die Taten des Geistes viel bedeutender sind als die des Körpers, so ist das, was wir mit Verstand und kluger Überlegung erreichen wollen, willkommener als das, was wir mit Körperkraft durchführen. Die erste Empfehlung also beginnt mit der Selbstbeherrschung, sodann mit der Ehrerbietung gegenüber den Eltern und dem Wohlwollen gegenüber den Angehörigen. Am leichtesten aber und vorteilhaftesten machen sich die jungen Männer bekannt, die sich berühmten und weisen Männern, welche für den Staat gut sorgen, angeschlossen haben; wenn sie mit diesen oft zusammen sind, verbreiten sie im Volk die Meinung, sie würden denjenigen ähnlich sein, die sie sich selbst zur Nachahmung ausgewählt hätten.

[47] Den P. Rutilius brachte als jungen Mann das Haus des P. Mucius in den Ruf der Unbescholtenheit und der Rechtskenntnis. Denn L. Crassus borgte, obwohl er ein sehr jun- ger Mann war, nicht anderswoher, sondern erwarb sich selbst größtes Lob durch jene bekannte und ruhmvolle Anklage, und in dem Alter, in dem diejenigen, die sich ausbilden lassen, gewöhnlich gelobt werden, wie wir über Demosthenes gehört haben, zeigte L. Crassus, dass er auf dem Forum das bereits am besten verrichtet, worauf er sich damals noch zu seinem Lobe daheim hätte vorbereiten können.

48-51 Hilfe der Redekunst beim Streben nach Ruhm und anderen Gütern

[48] Aber obwohl es zwei Arten von Reden gibt, von denen die eine das Gespräch ist, die andere die Streitrede, steht es außer Zweifel, dass die Streitrede größere Bedeutung für den Ruhm hat - das nämlich ist es, was wir Beredsamkeit nennen -, aber dennoch ist es schwierig zu sagen, wie sehr die Freundlichkeit und Zugänglichkeit des Gespräches die Menschen gewinnen. Es existieren noch die Briefe des Philippus an Alexander, des Antipater an Kassander und des Antigonos an seinen Sohn Philippus, Briefe dreier sehr kluger Männer - denn so haben wir es vernommen -, in denen sie ihren Söhnen auftragen, durch eine freundliche Rede die Menge zum Wohlwollen zu bewegen und die Soldaten durch eine schmeichelnde Anrede zu beschwichtigen. Die Rede aber, die vor der Menge mit Anspannung gehalten wird, begeistert oft die gesamte Menge. Groß nämlich ist die Bewunderung für denjenigen, der wortreich und weise spricht; diejenigen, die ihn hören, meinen, dass er sogar mehr versteht und einsichtiger ist als die Übrigen. Wenn aber einer Rede Erhabenheit gepaart mit Mäßigung anhaftet, kann nichts Bewunderungswürdigeres geschehen, und zwar um so mehr, wenn diese Eigenschaften bei einem jungen Mann auftreten.

[49] Aber obwohl es mehrere Arten von Anlässen gibt, die Beredsamkeit benötigen, und viele junge Männer in unserem Staat vor Richtern, vor dem Volk und vor dem Senat durch Reden Lob erlangt haben, ist die Bewunderung für Gerichtsreden am größten, von denen es zwei Arten gibt. Denn die Gerichtsrede besteht aus der Anklage und der Verteidigung, von denen die Anklage, obwohl die Verteidigung rühmlicher ist, dennoch sogar sehr häufig Beifall gefunden hat. Ich habe kurz zuvor über Crassus gesprochen, dasselbe machte der junge M. Antonius, auch die Beredsamkeit des P. Sulpicius machte eine Anklage berühmt, als er einen aufrührerischen und unnützen Bürger, C. Norbanus, verklagte.

[50] Aber dieses darf nicht häufig getan werden und immer nur um des Staates willen, wie diejenigen, die ich zuvor genannt habe, es getan haben, entweder um sich zu rächen, wie die beiden Luculli, oder wegen des Schutzes, wie wir für die Sizilier und Iulius für die Sarden. Auch bei der Anklage des M.‘ Aquilius ist der Fleiß des L. Fufius bekannt. Ein einziges Mal also ist anzuklagen oder sicherlich nicht oft. Wenn es aber jemanden geben wird, der es häufiger tun muss, so soll er diese Aufgabe dem Staat zuliebe erfüllen, dessen Feinde häufiger zu bestrafen nicht tadelnswert ist; ein Maß soll es dennoch geben. Denn es scheint einen harten Menschen auszumachen oder vielmehr kaum eines Menschen würdig zu sein, viele in Lebensgefahr zu bringen. Dieses ist gefährlich für einen selbst sowie auch schmählich für den guten Ruf, es dahin kommen zu lassen, dass man Ankläger genannt wird; soches widerfuhr dem M. Brutus, einem Mann von bester Herkunft, dem Sohn jenes Brutus, der besonders im Zivilrecht kundig war.

[51] Und auch diese Vorschrift der Pflicht gilt es sorgfältig einzuhalten, dass man niemals einen Unschuldigen auf Tod und Leben anklagen sollte; denn dieses kann ohne ein Verbrechen in keiner Weise geschehen. Denn was ist so unmenschlich wie die Beredsamkeit, die von der Natur zum Wohl der Menschen und zu ihrer Erhaltung gegeben ist, zum Verderben und zur Vernichtung der Rechtschaffenen zu verwenden? Aber dennoch darf man es nicht, wie dieses zu meiden ist, auf gleiche Weise für bedenklich halten, einmal einen Schuldigen zu verteidigen, nur nicht einen Frevler und Bösewicht. Die Menge will dieses, die Gewohnheit erträgt es, auch die Menschlichkeit lässt es sich gefallen. Es ist Aufgabe eines Richters, in Prozessen immer nach der Wahrheit zu streben, eines Verteidigers, das Wahrscheinliche, auch wenn es weniger wahr ist, zu verteidigen; dieses würde ich, zumal ich über Philosophie schreibe, nicht zu schreiben wagen, wenn dasselbe nicht die Meinung des sehr sittenstrengen Stoikers Panaetius wäre. Am meisten aber werden Ruhm und Beliebtheit durch Verteidigungen erworben, und zwar um so mehr, wenn es einmal vorkommt, dass demjenigen geholfen wird, der durch die Stärke eines Mächtigen unterdrückt und bedrängt zu werden scheint, wie ich es sonst oft und als junger Mann gegen die Macht des tyrannischen L. Sulla für Sex. Roscius Amerinus getan habe, in einer Rede, die, wie du weißt, noch erhalten ist.

52-85 Wohltätigkeit und Freigebigkeit

52-55a Die Wohltätigkeit und ihre Arten

[52] Aber nachdem die Pflichten der jungen Leute dargelegt sind, soweit sie für den Erwerb von Ruhm Bedeutung haben, muss nun der Reihe nach über Wohltätigkeit und Freigebigkeit gesprochen werden, von denen es zwei Arten gibt. Denn entweder wird durch persönliches Eingreifen oder durch Geld den Bedürftigen Gutes erwiesen. Leichter ist diese letztere Art und Weise, zumal für einen Wohlhabenden, aber jene ist anständiger und angesehener und eines tüchtigen und ruhmvollen Mannes würdiger. Denn obwohl in beiden Fällen der edle Wille zu helfen gegeben ist, wird gleichwohl das eine aus der Geldkiste genommen, das andere aus persönlicher Kraft, und die Geldspende, die aus dem Vermögen gegeben wird, erschöpft gerade die Mittel zum Wohltun. So wird durch Wohltätigkeit Wohltätigkeit aufgehoben, da man sie, für je mehr Menschen man sie gebraucht hat, um so weniger für viele verwenden kann.

[53] A-ber diejenigen, die durch ihre eigene Anstrengung, d.h. durch Tatkraft und Fleiß, wohltätig und freigebig sind, werden erstens, je mehr Menschen es sind, denen sie genützt haben, um so mehr Helfer zur Verfügung haben, um Gutes zu erweisen, und zweitens werden sie durch ihre Gewöhnung an die Wohltätigkeit bereiter und gleichsam geübter sein, sich um viele verdient zu machen. In höchst anerkennenswerter Weise beschuldigt in einem Brief Philippus seinen Sohn Alexander, dass er durch Geldspenden das Wohlwollen der Makedonen zu erlangen suche. ”Welche Überlegung hat dich, zum Teufel“, sagte er, ”in die Hoffnung versetzt, dass du glaubst, diejenigen würden dir treu sein, die du mit Geld bestochen hättest? Oder arbeitest du etwa darauf hin, dass die Makedonen hoffen, du seiest nicht ihr König, sondern ihr Diener und Lieferant?“ Zu Recht sagte er ’Diener und Lieferant‘, weil es für einen König erniedrigend ist, noch besser aber ist, dass er sagte, eine Geldspende sei ein Verderbnis. Denn schlechter wird, wer annimmt und bereiter ist, immer dasselbe zu erwarten. Dieses schrieb jener seinem Sohn vor, aber wir wollen glauben, dass es allen vorgeschrieben worden ist.

[54] Deshalb steht es außer Zweifel, dass jene Wohltätigkeit, die auf Anstrengung und Fleiß beruht, ehrenwerter ist, ein weiteres Wirkungsfeld hat und mehreren nutzen kann. Dennoch gilt es manchmal zu schenken, und es darf diese Art der Wohltätigkeit nicht völlig abgelehnt werden; oft ist würdigen Menschen, die Mangel leiden, aus dem Vermögen etwas zu schenken, aber wohlbedacht und besonnen. Viele nämlich haben ihr Vermögen verschleudert, indem sie unüberlegt Schenkungen machten. Was aber ist törichter als dafür zu sorgen, dass man das, was man gerne tut, nicht länger machen kann? Und auf Schenkung folgt sogar Raub. Denn sobald sie durch Geben zu darben begonnen haben, werden sie gezwungen, an fremdem Vermögen Hand anzulegen. So erlangen sie, weil sie, um Wohlwollen zu erwerben, wohltä-tig sein wollen, von denjenigen, denen sie gegeben haben, eine Zunei- gung, die nicht so groß ist wie der Hass derer, denen sie genommen haben.

[55] Daher darf das Vermögen einerseits nicht so verschlossen werden, dass die Wohltätigkeit es nicht zu öffnen vermag, andererseits nicht so geöffnet werden, dass es allen offen steht; Mäßigung soll man üben und diese auf die eigenen Geldmittel beziehen. Kurz, wir müssen uns an das erinnern, was von unseren Leuten sehr häufig in den Mund genommen wird und schon zu einem gebräuchlichen Sprichwort geworden ist, dass nämlich das Schenken keinen Boden hat. Denn welches Maß kann es geben, da zugleich diejenigen, die sich daran gewöhnt haben anzunehmen, und auch andere jenes begehren?

55b-60 Verschwenderische Wohltätigkeit

Im Ganzen gibt es zwei Arten von Freigebigen, von denen die einen verschwenderisch, die anderen großzügig sind; verschwenderisch sind diejenigen, die durch Festmähler, Fleischspenden für das Volk und Gladiatorenspiele, durch die Vorbereitung von Wettkämpfen und Tierhetzen Gelder für solche Dinge verschleudern, an die sie entweder eine kurze oder überhaupt keine Erinnerung zurücklassen werden; großzügig aber sind diejenigen, die auf Grund ihrer Mittel Gefangene von Räubern loskaufen, Schulden ihrer Freunde übernehmen, diese bei der Verheiratung der Töchter unterstützen oder ihnen bei dem Erwerb oder der Vermehrung von Besitz helfen.

[56] Daher frage ich mich verwundert, was Theophrast in den Sinn gekommen ist, in dem Buch, das er über den Reichtum geschrieben hat, in dem er vieles vortrefflich, jenes aber unpassend gesagt hat: denn er lobt eifrig den Prunk und die Vorbereitung der Festspiele für das Volk und hält die Möglichkeit, einen derartigen Aufwand zu betreiben, für eine Frucht des Reichtums. Mir aber scheint jene Frucht der Freigebigkeit, für die ich wenige Beispiele gegeben habe, viel größer und sicherer zu sein. Um wieviel ernster und aufrichtiger tadelt uns Aristoteles, weil wir uns nicht über diese Geldverschwendungen wundern, die gemacht werden, um die Menge zu beschwichtigen. Denn er sagt, wenn diejenigen, die vom Feind belagert werden, gezwungen würden, einen Krug Wasser für eine Mine zu kaufen, hielten wir dieses zuerst für unglaubwürdig und alle wunderten sich darüber; aber bei näherer Überlegung brächten sie Verständnis wegen der Notlage auf, während wir uns bei diesen Spielen wegen der riesigen Aufwendungen und unbegrenzten Kosten nicht sonderlich wunderten, zumal da man weder einem wirklichen Notstand abhelfe noch das Ansehen vermehre und eben jene Unterhaltung der Menge nur für eine kurze und knappe Zeit gesucht werde, und zwar gerade von den unbedeutendsten Gestalten, bei denen dennoch gemeinsam mit der Befriedigung auch die Erinnerung an die Freude absterbe.

[57] Gut folgerte er auch, dass dieses den Knaben, den schwachen Frauen, den Sklaven und den Freien, die den Sklaven sehr ähnlich sind, willkommen sei; von einem ernsten Menschen aber und einem solchen, der das, was geschieht, nach sicherem Urteilsvermögen erwägt, könne es in keiner Weise gebilligt werden. Indessen erkenne ich, dass sich in unserem Staat bereits in der guten alten Zeit eingebürgert hat, dass Glanz im Amt des Ädils von den besten Männern gefordert wird. Und so versah P. Crassus, der den Beinamen ”der Reiche“ trug und reich an Vermögen war, das Amt des Ädils in herausragendster Weise, und ein wenig später verrichtete L. Crassus mit Q. Mucius, dem maßvollsten aller Menschen, die prachtvollste Ädilität, danach C. Claudius, der Sohn des Appius, viele später, die Luculler, Hortensius, Silanus; alle Vorgänger aber hat P. Lentulus unter meinem Konsulat übertroffen; ihn ahmte Scaurus nach; am prächtigsten aber waren die Spiele unseres Pompeius in seinem zweiten Konsulat; was ich von all diesem halte, siehst du.

[58] Dennoch ist der Verdacht der Habgier zu meiden. Mamercus, einem sehr reichen Mann, brachte die Unterlassung der Bewerbung um die Ädilität eine Niederlage bei der Bewerbung um das Konsulat ein. Daher müssen es, wenn es vom Volk gefordert wird, die guten Männer tun, wenn auch nicht auf ihren Wunsch hin, aber so doch wenigstens billigend, eben entsprechend ihrer Geldmittel, wie wir es selbst getan haben, und auch, wenn einmal etwas Größeres und Nützlicheres durch eine Spende an das Volk erstrebt wird, wie neulich dem Orest das Frühstück auf der Straße unter dem Namen des Zehnten große Ehre bescherte. Nicht einmal dem M. Seius wurde es als Fehler angerechnet, dass er bei der Teuerung den Scheffel Getreide für ein As dem Volk gab; denn von großer und altgewohnter Missliebigkeit befreite er sich durch eine nicht schimpfliche, da er ja Ädil war, und nicht sehr große Ausgabe. Aber höchste Ehre brachte es neulich unserem Milo ein, dass er, nachdem er Gladiatoren um des Staates willen gekauft hatte, dessen Wohl von meiner Rettung abhing, alle Versuche und Verblendungen des P. Clodius unterdrückte. Es gibt also einen Grund für eine Spende, wenn es entweder notwendig oder nützlich ist.

[59] Bei diesen Spenden aber ist der Grundsatz des Maßhaltens am besten. L. Philippus, der Sohn des Quintus, ein Mann von großer Begabung und besonders berühmt, pflegte sich zu brüsten, er habe ohne jede Gabe alles erreicht, was für sehr bedeutend gehalten werde. Dasselbe sagten Cotta und Curio. Auch uns ist es möglich, in diesem Punkt in gewisser Weise zu prahlen; denn im Verhältnis zu der Größe der Ämter, die wir bei allen Abstimmungen im gesetzlich festgelegten Mindestalter erlangt haben, was niemandem von denen gelungen ist, die ich eben genannt habe, war der Aufwand für die Ädilität durchaus gering.

[60] Und auch sind jene Aufwendungen besser, Mauern, Docks, Häfen, Wasserleitungen und alles, was sich auf den Nutzen für den Staat bezieht; gleichwohl ist das angenehmer, was unmittelbar gleichsam in die Hand gegeben wird; dennoch ist dieses für die Zukunft erwünschter. Theater, Säulengänge und neue Tempel tadele ich mit mehr Zurückhaltung wegen Pompeius, aber die größten Philosophen billigen es nicht, wie auch gerade dieser Panaetius, dem ich in diesen Büchern viel gefolgt bin, ohne ihn wörtlich zu übersetzen, und Demetrius aus Phaleron, der Pericles, den ersten Mann in Griechenland, tadelt, dass er so viel Geld für jene berühmten Propyläen hinausgeworfen habe. Aber dieser ganze Bereich ist in den Büchern sorgfältig abgehandelt worden, die ich über den Staat geschrieben habe. Das ganze Verfahren solcher Schenkungen also ist an sich verkehrt, zu Zeiten notwendig und muss gerade dann den Mitteln an- gepasst und durch gesundes Maßhalten gesteuert werden.

61-64 Edle Freigebigkeit

[61] In jenem zweiten Bereich des Schenkens aber, welcher von der Freigebigkeit ausgeht, dürfen wir nicht auf nur eine Weise bei verschiedenen Fällen gestimmt sein. Anders verhält es sich mit dem, der durch ein Unglück bedrängt wird, als mit dem, der eine Besserung seiner Lage sucht, ohne selbst in widrigen Umständen zu leben.

[62] Das Wohlwollen wird den schwer Heimgesuchten mehr zugetan sein müssen, wenn sie nicht etwa ein Unglück verdient haben. Dennoch dürfen wir solchen gegenüber, die sich helfen lassen wollen, nicht damit sie kein Unglück erleiden, sondern damit sie einen höheren Rang erklimmen, zwar ganz und gar nicht zurückhaltend sein, aber wir müssen bei der Auswahl geeigneter Leute Überlegung und Sorgfalt walten lassen. Denn vortrefflich hat Ennius gesagt: ’Ich glaube, dass gute Taten, wenn sie schlecht angelegt sind, schlechte Taten sind.‘

[63] Was aber einem guten und werten Mann erwiesen worden ist, darin liegt Gewinn, der von ihm selbst und auch von anderen herrührt. Entfernt man nämlich die Leichtfertigkeit, die wahllos gibt, so ist die Freigebigkeit sehr willkommen, und die Meisten loben sie eifriger, deswegen weil die Güte gerade der Höchsten die gemeinsame Zuflucht aller ist. Also müssen wir uns Mühe geben, dass wir möglichst vielen diese Wohltaten erweisen, damit die Erinnerung an sie den Kindern und Nachfahren weitergegeben wird, so dass es diesen nicht möglich ist, undankbar zu sein. Alle nämlich hassen den, der sich nicht an eine Wohltat erinnert, und glauben, dieses Unrecht werde, weil dadurch die Freigebigkeit abgeschreckt wird, sogar ihnen angetan, und sie halten den, der solches macht, für den gemeinsamen Feind der Schwächeren. Und diese Wohltätigkeit ist auch für den Staat nützlich, wenn Gefangene aus der Knechtschaft losgekauft, die Schwächeren reich gemacht werden; dass dieses im Allgemeinen von unserem Stand gewöhnlich getan worden ist, sehen wir in einer Rede des Crassus ausführlich beschrieben. Ich ziehe diese Gewohnheit gütig zu sein dem großen Aufwand für Spiele bei weitem vor; diese private Wohltätigkeit zeichnet würdevolle und große Menschen aus, jene ist typisch gleichsam für Schmeichler des Volkes, die die wankelmütige Menge durch Lust sozusagen kitzeln.

[64] Es wird sich aber schicken, im Geben mildtätig zu sein und auch beim Eintreiben nicht hart und beim Abschluss eines jeden Geschäftes, beim Verkaufen und Kaufen, beim Mieten und Vermieten, in Nachbarschafts- und Grenzverhältnissen gerecht und umgänglich, vielen vieles von seinem eigenen Recht abtretend, vor Streitigkeiten aber zurückschreckend, soweit es möglich ist und vielleicht sogar ein wenig mehr als möglich. Es ist nämlich nicht nur anständig, manchmal ein wenig auf sein Recht zu verzichten, sondern zuweilen auch nützlich. Es muss aber auf das Vermögen Rücksicht genommen werden, das verfallen zu lassen schändlich ist, aber so, dass der Verdacht auf Knauserigkeit und Habgier fern liegt. Denn großzügig sein zu können, ohne sich seines Vermögens zu berauben, ist ohne Zweifel der größte Vorteil des Geldes. Zu Recht ist die Gastfreundlichkeit auch von Theophrast gelobt worden. Denn es macht, wie ich glaube, einen sehr guten Eindruck, wenn die Häuser berühmter Menschen für berühmte Gastfreunde offen stehen, und auch für den Staat bedeutet es eine Auszeichnung, wenn Menschen aus dem Ausland diese Art der Freigebigkeit in unserer Stadt nicht vermissen. Aber es ist sehr nützlich für diejenigen, die mit rechtlichen Mitteln Bedeutung gewinnen wollen, durch Gastfreunde bei fremden Völkern mittels Vermögen und Beliebtheit Einfluss zu haben. Theophrast schreibt, Ci- mon sei in Athen sogar gegenüber den Laciaden, den Angehörigen seines Demos, gastfreundlich gewesen; denn so habe er es bestimmt und seinen Gutsverwaltern befohlen, dass alles jedem Laciaden gewährt werde, der in sein Haus eingekehrt sei.

65-71 Hilfe für einzelne, besonders durch Beistand vor Gericht

[65] Die Wohltaten aber, die durch persönliche Leistung, nicht durch eine Spende erwiesen werden, kommen bald dem gesamten Staat zu, bald einzelnen Bürgern. Denn im Recht Rat zu erteilen, durch ein Rechtsgutachten zu unterstützen und in diesem Bereich des Wissens möglichst vielen zu nützen hat starken Einfluss auf die Vermehrung von Macht und Beliebtheit. Daher waren viele Einrichtungen der Vorfahren vortrefflich und auch die Tatsache, dass die Kenntnis und Auslegung des bestens ge- ordneten bürgerlichen Rechts immer in höchstem Ansehen stand; dieses hielten die führenden Männer vor der Unordnung dieser Zeit in ihrem Besitz, jetzt aber ist wie die Ehren, wie alle Würdenränge, so auch der Glanz dieses Wissens ausgelöscht worden; und dieser Zustand ist um so unwürdiger, weil er in einer Zeit eingetreten ist, da derjenige lebte, der alle Früheren, denen er an politischen Ehrenämtern gleichkam, leicht an Wissen übertroffen hatte. Diese Leistungen also sind bei vielen beliebt und geeignet, Menschen durch Wohltaten zu verpflichten.

[66] Und dieser Kunst am nächsten ist das noch bedeutsamere, willkommenere und höher geachtete Redetalent. Denn was ist vorzüglicher als die Beredsamkeit oder die Bewunderung der Zuhörer oder die Hoffnung derer, die dieser Kunst bedürfen, oder der Dank derjenigen, die verteidigt worden sind? Dieser Kunst also wurde von unseren Vorfahren im Frieden höchstes Ansehen zuteil. Also ziehen die Wohltaten und Verteidigungen eines beredten Mannes und eines solchen, der sich bereitwillig abmüht und, wie es der Vätersitte entspricht, die Angelegenheiten vieler ohne viele Umstände und unentgeltlich verteidigt, weite Kreise.

[67] Die Gelegenheit würde mich locken, auch an dieser Stelle die zeitweise Unterbrechung der Beredsamkeit, um nicht zu sagen ihren Untergang zu beweinen, wenn ich nicht fürchtete, den Eindruck zu erwecken, ich stimmte über mich selbst die Klage an. Aber dennoch sehen wir, welche Redner gestorben sind, auf wie wenigen die Hoffnung ruht, wie viel we- niger noch über die Redegabe verfügen, wie viele Vermessenheit an den Tag legen. Aber obwohl nicht alle, nicht einmal viele, rechtskundig oder beredt sein können, ist es dennoch möglich, wenigstens durch eigene Mühe vielen zu nutzen, indem man Wohltaten für sie erbittet, sie Rich- tern und Beamten empfiehlt, für die Sache eines anderen wachsam ist und eben die bittet, die entweder um Rat gefragt werden oder verteidigen; diejenigen, die dieses tun, erlangen sehr viel Dankbarkeit, und ihre Tätigkeit greift sehr weit um sich.

[68] Ferner brauchen sie nicht daran erinnert zu werden - denn es liegt auf der Hand -, dass sie achtgeben sollen, wenn sie anderen helfen wollen, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Oft nämlich verletzen sie diejenigen, die sie nicht verletzen dürfen, oder die, die zu verletzen nicht förderlich ist; wenn sie es aus Versehen tun, ist es ein Zeichen von Nachlässigkeit, wenn wissentlich, zeugt es von Leichtfertigkeit. Auch muss man sich gegenüber denjenigen entschuldigen, die man wider Willen kränkt, auf jede mögliche Weise, weshalb das, was man getan hat, notwendig gewesen ist und man es anders nicht hätte tun können; und durch Dienste und pflichtgemäße Handlungen wird das auszugleichen sein, worin man jemanden verletzt zu haben scheint.

[69] Aber da man bei der Unterstützung von Menschen entweder auf ihren Charakter oder auf ihre Lage zu sehen gewohnt ist, ist es leicht zu sagen - und so reden sie im Allgemeinen -, dass sie sich, wenn Wohltaten erwiesen werden sollen, an den Charakter der Menschen, nicht an ihre Lage halten. Eine schönklingende Rede ist das, aber wen gibt es schließlich, der beim Erweis eines Dienstes nicht den Dank eines Reichen und Mächtigen der Sache eines armen Mannes, auch wenn er der beste ist, vorzieht? Denn demjenigen ist unser Wille in der Regel eher zugetan, von dem offenbar eine raschere und schnellere Erwiderung kommt. Aber man muss sorgfältiger beachten, was das Wesen der Dinge ist. Ohne Zweifel nämlich kann jener Arme, falls er ein guter Mann ist, auch wenn er keinen Dank abstatten kann, gewiss dankbar sein. Treffend aber hat gesprochen, wer auch immer gesagt hat: ’Wer Geld habe, habe es nicht zurückgegeben, wer es zurückgegeben habe, habe es nicht; wer dagegen Dank abgestattet habe, sei dankbar, und wer dankbar sei, habe auch Dank abgestattet.‘ Aber diejenigen, die sich für reich, angesehen und glücklich halten, wollen nicht einmal durch eine Wohltat verpflichtet werden; ja sogar glauben sie, eine Wohltat erwiesen zu haben, obwohl sie selbst eine auch noch so große angenommen haben, und sie mutmaßen, dass auch von ihnen etwas gefordert oder erwartet wird; aber Schutz gebraucht zu haben oder als Klienten bezeichnet zu werden gilt ihnen als der Tod.

[70] Aber da jener Geringe glaubt, dass man, was auch immer getan worden sei, auf ihn gesehen habe, nicht auf seine Lage, bemüht er sich, nicht nur gegenüber jenem, der sich um ihn verdient gemacht hat, sondern auch gegenüber jenen, von denen er etwas erwartet - denn er bedarf vieler -, dankbar zu erscheinen, andererseits aber vermehrt er seine Leistung, falls er vielleicht eine erbringt, nicht durch Worte, sondern schwächt sie sogar ab. Man muss die Tatsache berücksichtigen, dass, wenn man einen wohlhabenden und begüterten Mann verteidigt, in diesem allein oder günstigen Falles in seinen Kindern der Dank fortbesteht; wenn man aber einen armen, aber gleichwohl rechtschaffenen und maßvollen Menschen verteidigt, sehen alle Geringen, die nicht unredlich sind und von denen es eine große Zahl im Volk gibt, dass ihnen Hilfe verschafft worden ist.

[71] Deshalb glaube ich, dass es besser ist, guten Menschen eine Wohltat zu erweisen als begüterten. Wir müssen uns überaus Mühe geben, dass wir imstande sind, jeder Art von Menschen Genüge zu tun, aber wenn es zur Entscheidung kommt, muss natürlich Themistocles als Gewährsmann hinzugezogen werden, der, als er befragt wurde, ob er seine Tochter mit einem guten, aber armen Mann oder mit einem weniger ehrbaren, aber reichen verheirate, sagte: ”Ich möchte lieber den Mann, der Geld nötig hat, als das Geld, das den Mann nötig hat.“ Aber gute Sitten sind durch die Bewunderung des Reichtums verdorben und verunstaltet worden; was aber geht dessen Größe jeden Einzelnen von uns an? Vielleicht hilft er jenem, der ihn hat; nicht einmal dieses trifft immer zu; aber setze den Fall, er hilft; mag es auch jemand sein, der mehr ausgeben kann, wieso aber ist er ehrbarer? Wenn er nun auch ein guter Mann ist, so soll sein Reichtum nicht verhindern, dass ihm geholfen wird, wenn nur der Reich- tum selbst nicht hilft, und die Entscheidung soll ganz davon abhängen, nicht wie reich jeder ist, sondern welchen Charakter er hat. Die letzte Weisung aber, wenn Wohltaten und Hilfe zu erweisen sind, besteht darin, dass man sich nicht wider die Gerechtigkeit bemüht, nicht zugunsten des Unrechts; denn die Grundlage einer beständigen Anerkennung und eines eben solchen Rufes ist die Gerechtigkeit, ohne die nichts löblich sein kann.

72-74 Wohltätigkeit bei steter Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen

[72] Aber da ja über die Art von Wohltaten gesprochen worden ist, die auf einzelne zielen, müssen nun folgerichtig diejenigen erörtert werden, die sich auf alle und auf den Staat beziehen. Ein Teil dieser Wohltaten aber ist von der Art, dass er sich auf alle Bürger bezieht, der andere Teil ist so, dass er einzelne mitbetrifft; dieser wird um so dankbarer empfunden. Mühe muss man durchaus auf beide verwenden, falls es möglich ist, aber ebenso auch darauf, dass für einzelne gesorgt wird, allerdings nur insoweit, dass dieses dem Staat entweder nützt oder wenigstens nicht schadet. Groß war die Getreidespende des C. Gracchus, sie erschöpfte also die Staatskasse; mäßig war die des M. Octavius, erträglich für den Staat und notwendig für das Volk, also sowohl für die Bürger als auch für den Staat nützlich.

[73] Vor allem aber wird derjenige, der den Staat lenken wird, darauf achten müssen, dass jeder das Seine behält und nicht durch staatlichen Eingriff eine Verringerung des Privatvermögens eintritt. Denn staatsgefährdend handelte Philippus während seines Tribunates, als er das A- ckergesetz einbrachte, dessen Verwerfung er dennoch gelassen ertrug, wobei er sich sehr gemäßigt zeigte; aber bei seiner Ansprache an das Volk sagte er vieles demagogisch, jenes aber auf üble Weise: ’Im Staat seien nicht zweitausend Menschen, die Eigentum hätten.‘ Eine verderb- liche Rede ist es, da sie auf Güterausgleich zielt: Welches Unheil kann größer sein als dieses? Besonders nämlich aus dem Grunde, dass Eigentum erhalten wird, wurden Staatsverfassungen und Staaten ge- schaffen. Denn auch wenn sich die Menschen unter Führung der Natur sammelten, suchten sie dennoch in der Hoffnung auf Bewahrung ihres Ei- gentums den Schutz der Städte.

[74] Man muss auch darauf sehen, dass nicht, was bei unseren Vorfahren wegen der Armut der Staatskasse und der Fortdauer der Kriege oft geschah, eine Abgabe aufgebracht werden muss, und damit dieses nicht passiert, dafür wird man viel früher zu sorgen haben. Wenn aber irgendeine Notwendigkeit dieser Leistung auf einen Staat zukommt - ich will nämlich lieber einem fremden Staat weissagen als unserem, und übrigens erörtere ich nicht unseren, sondern jeden Staat -, wird man sich Mühe geben müssen, damit alle erkennen, dass der Notwendigkeit zu gehorchen ist, falls sie mit dem Leben davonkommen wollen. Und auch alle Staatslenker werden dafür zu sorgen haben, dass eine Fülle von Dingen da ist, die für den Lebensunterhalt notwendig sind. Wie die Beschaffung dieser Mittel gewöhnlich erfolgt und erfolgen muss, braucht man nicht zu erörtern; denn es liegt auf der Hand; nur durfte dieser Punkt nicht übergangen werden.

75-77 Der Politiker darf sich nicht bereichern

[75] Der Hauptgrundsatz aber bei jeder Besorgung einer öffentlichen Aufgabe und eines solchen Amtes lautet, dass auch nur der geringste Verdacht auf Eigennutz ferngehalten werden soll. ”Wenn mich doch das Schicksal“, sagte der Samniter C. Pontius, ”für jene Zeiten aufbewahrt hätte und ich dann geboren wäre, da die Römer begannen Geschenke an- zunehmen. Ich hätte es nicht zugelassen, dass diese länger herrschten.“ Jener hätte wahrlich nicht viele Menschenalter zu warten brauchen: Denn vor kurzem drang dieses Übel in unseren Staat ein. Daher ist es mir recht, dass es Pontius eher damals gegeben hat, da er so viel Stärke besaß. Es sind noch keine 110 Jahre vergangen, da von L. Piso ein Gesetz über wiederzuerstattende Geldsummen eingebracht worden ist, nachdem es zuvor keines gegeben hatte. Aber später waren so viele Gesetze vor- handen, das nächste immer schärfer als das vorige, so viele Angeklagte, so viele Verurteilte, gab es einen so erbitterten Krieg in Italien, ausge- löst wegen der Furcht vor Prozessen, nach Aufhebung der Gesetze und Gerichte eine solche Ausplünderung und Ausraubung der Bundesge- nossen, dass wir durch die Schwäche anderer, nicht dank unserer eige- nen Kraft Macht besitzen.

[76] Panaetius lobt Africanus, weil er unei- gennützig gewesen sei. Warum sollte er ihn nicht loben? Aber jener hat- te noch andere bedeutendere Eigenschaften. Das Lob der Uneigennützigkeit gehört nicht nur dem Menschen, sondern auch jenen Zeiten. Des ge- samten Schatzes der Macedonen, der sehr groß war, bemächtigte sich Paulus; so viel Geld brachte er in die Staatskasse, dass die Beute eines einzigen Feldherrn den Tributen ein Ende bereitete. Aber dieser nahm nichts mit in sein Haus außer der ewigen Erinnerung an seinen Namen. Africanus ahmte seinen Vater nach und wurde um nichts reicher nach der Zerstörung Carthagos. Wie? Derjenige, der sein Kollege im Zensoramt war, L. Mummius, war er etwa wohlhabender, nachdem er die wohl- habendste Stadt völlig vernichtet hatte? Er wollte lieber Italien schmü- cken als sein Haus; allerdings scheint mir das Haus selbst mehr ge- schmückt zu sein als das geschmückte Italien.

[77] Kein Laster also ist abscheulicher - damit die Rede zu dem Punkt zurückkehrt, von dem sie abgeschweift ist - als die Habgier, zumal bei den führenden Leuten und denen, die den Staat leiten. Denn den Staat als Erwerbsquelle zu betrachten ist nicht nur schimpflich, sondern auch ein nichtswürdiges Verbrechen. Daher hat offenbar Apoll in Delphi das Orakel, das er verkündet hat, nämlich dass Sparta durch nichts anderes als durch Habgier umkommen werde, nicht nur den Lacedaemoniern, sondern auch allen wohlhabenden Völkern prophezeit. Durch nichts aber können die Staatslenker leichter das Wohlwollen der Menge für sich gewinnen als durch strengste Uneigennützigkeit.

78-85 Fehlgeschlagene Reformen unter Antastung des Privatvermögens

[78] Diejenigen aber, die als Volksfreunde gelten wollen und aus diesem Grunde entweder die Agrarfrage in Angriff nehmen, damit die Besitzer von Staatsgütern von ihren Wohnsitzen vertrieben werden, oder glauben, geliehene Gelder müssten den Schuldnern nachgelassen werden, erschüttern die Grundlagen des Staates, zuerst die Eintracht, die es nicht geben kann, wenn den einen das Geld genommen, den anderen nachgelassen wird, zweitens die Gerechtigkeit, die gänzlich beseitigt wird, wenn es jemandem nicht möglich ist, das Seine zu besitzen. Das nämlich zeichnet, wie ich oben gesagt habe, eine Bürgerschaft und eine Stadt aus, dass sie frei ist und ungestört durch die Bewahrung des Besitzes eines jeden.

[79] Und bei diesem Untergang des Staates erlangen sie nicht einmal jene Gunst, die sie zu erlangen glauben. Denn derjenige, dem Besitz entrissen wurde, ist ein Feind; derjenige, dem er gegeben wurde, tut sogar so, als habe er ihn nicht annehmen wollen, und verbirgt besonders bei Schulden seine Freude, um nicht den Eindruck zu erwecken, er sei nicht zahlungsfähig gewesen. Aber jener, der das Unrecht erlitten hat, erinnert sich daran und zeigt seinen Schmerz deutlich, und wenn diejenigen, denen zu Unrecht gegeben wurde, in der Mehrheit sind gegenüber jenen, denen zu Unrecht genommen wurde, sind sie, die Beschenkten, deswegen nicht auch noch mächtiger. Denn dieses wird nicht nach der Zahl der Menschen bemessen, sondern nach ihrer Bedeutung. Denn worin liegt die Gerechtigkeit, wenn derjenige, der kein Grundstück hatte, nun eines besitzt, welches viele Jahre oder sogar Jahrhunderte zuvor in Besitz genommen worden war, derjenige aber, der eines hatte, es nun verliert?

[80] Und wegen dieser Art des Unrechts vertrieben die Lacedaemonier den Ephoren Lysander, König Agis - was niemals zuvor bei ihnen geschehen war - töteten sie, und seit dieser Zeit folgten so große Zwistigkeiten, dass Tyrannen auftraten, die Optimaten verjagt wurden und der prächtigst eingerichtete Staat zerfiel. Aber nicht nur er selbst ging unter, sondern er brachte auch das übrige Griechenland durch Ansteckung mit den Übeln zu Fall, die, nachdem sie von den Lacedaemoniern ausgegangen waren, weiter um sich griffen. Was? Haben unsere Gracchen, die Söhne des Tiberius Gracchus, die Enkel des Africanus, nicht die Kämpfe um eine Bodenreform zugrunde gerichtet?

[81] Aber Aratus aus Sicyon wird zu Recht gelobt, der, als dessen Bürgerschaft fünfzig Jahre von Tyrannen beherrscht wurde, aus Argos nach Sicyon aufbrach und sich in einem heimlichen Einmarsch der Stadt bemächtigte und, nachdem er den Tyrannen Nicocles unversehens überwältigt hatte, sechshundert Verbannte, die die Wohlhabendsten dieser Bürgerschaft gewesen waren, zurückführte und den Staat durch seine Ankunft befreite. Aber als er die große Schwierigkeit bei den Vermögens- und Besitzverhältnissen erkannte, da er glaubte, es sei sehr ungerecht, wenn diejenigen, die er selbst zurückgeführt, deren Hab und Gut andere in Besitz genommen hatten, Not litten, und er es auch nicht für allzu ge- recht hielt, an fünfzig Jahre alte Besitzverhältnisse zu rühren, deswe- gen weil man in einem so langen Zeitraum vieles durch Erbschaften, vie- les durch Käufe, vieles durch Mitgift ohne Unrecht besaß, kam er zu der Einsicht, man dürfe jenen nichts wegnehmen und müsse denjenigen Genüge tun, denen jenes Hab und Gut gehört hatte;.

[82] Nachdem er also festgestellt hatte, dass Geld nötig sei, um diese Angelegenheit zu ord- nen, sagte er, er wolle nach Alexandria aufbrechen, und befahl, die Sa- che bis zu seiner Rückkehr unangetastet zu lassen; schnell kam er zu Ptolemaeus, seinem Gastfreund, der damals als zweiter Ptolemaeer nach der Gründung Alexandrias regierte. Als er ihm seine Absicht, das Vaterland zu befreien, dargelegt und ihn über den Rechtsfall unterwie- sen hatte, erwirkte der höchststehende Mann ohne Mühe vom reichen Kö- nig, dass er mit einer großen Geldsumme unterstützt wurde. Als er die- se nach Sicyon mitgebracht hatte, zog er fünfzehn führende Männer zu einer Beratung hinzu, mit denen er die Rechtsfälle untersuchte, die Rechtsfälle derer, die fremdes Eigentum besaßen, und derer, die ihren Besitz verloren hatten; er erreichte, indem er den Wert des Besitzes ab- schätzte, dass er die einen dazu überreden konnte, lieber Geld annehmen zu wollen, den Besitz aber aufzugeben, die anderen, dass sie es für günstiger hielten, sich den entsprechenden Preis auszahlen zu lassen als ihr Eigentum wiederzuerlangen. So wurde durchgesetzt, dass alle in festgefügter Eintracht ohne Klage auseinandergingen.

[83] Welch bedeutender Mann und würdig, in unserem Staat geboren zu sein! So ziemt es sich, mit den Bürgern zu verfahren, nicht, wie wir es schon zweimal gesehen haben, die Lanze auf dem Forum aufzupflanzen und das Vermögen der Bürger der Stimme des Ausrufers preiszugeben. Aber jener Grieche glaubte, das, was die Aufgabe eines weisen und vortrefflichen Mannes gewesen ist, für alle sorgen zu müssen, und dieses ist die höchste Maxime und Weisheit eines guten Bürgers, den Besitz der Bürger nicht zu vernichten, sondern alle mit derselben Gleichheit des Rechts zusammenzuhalten. Sie sollen unentgeltlich bei einem Fremden wohnen. Warum dies? Damit du, während ich gekauft und gebaut habe, in gutem baulichen Zustand erhalte und Geld aufwende, gegen meinen Willen mein Eigentum genießt? Das heißt doch, den einen ihr Eigentum zu entreißen, den anderen fremdes Gut zu geben!

[84] Welchen Zweck aber haben neue Schuldenbücher, außer dass du für mein Geld ein Grundstück kaufst, du dieses hast, ich aber kein Geld habe? Deshalb ist Vorsorge zu treffen, dass es keine Schulden gibt, die dem Staat schaden, was durch viele Maßnahmen sichergestellt werden kann, nicht aber so, falls Schulden vorhanden sind, dass die Wohlhabenden ihren Besitz verlieren, die Schuldner aber fremdes Eigentum gewin- nen. Denn nichts hält den Staat stärker zusammen als das Vertrauen, das keines sein kann, wenn die Abzahlung geliehenen Geldes nicht notwendig sein wird. Dass nicht abgezahlt wurde, betrieb man niemals energischer als unter meinem Konsulat. Mit einem bewaffneten Heerlager wurde die Angelegenheit von Menschen jeden Schlags und Standes in Angriff ge- nommen; diesen habe ich einen solchen Widerstand geleistet, dass die- ses ganze Übel aus dem Staat entfernt wurde. Niemals gab es größere Schulden, und niemals wurden sie besser und leichter abbezahlt; denn nachdem die Hoffnung zu betrügen genommen war, folgte der Zwang zur Zahlung. Aber dieser, der jetzt Sieger ist, damals Besiegter war, führte das, was er ausgedacht hatte, da, wo es wichtig für ihn war, auch aus, obwohl ihn selbst nichts mehr daran lag. Eine solche Lust am Bösen hatte er, dass es ihn selbst freute sich zu vergehen, auch wenn es keinen Grund gab.

[85] Von dieser Art Schenkung also, dass den einen gegeben, den anderen genommen wird, werden sich diejenigen fernhalten, die den Staat schützen werden, und vor allem werden sie sich Mühe geben, dass jeder durch gerechte Handhabung von Rechtsvorschriften und Gerichtsverfahren seinen Besitz bewahrt und weder die Minderbemittelten wegen ihres niedrigen Standes bedrängt werden noch den Wohlhabenden, wenn sie das Ihre bewahren oder zurückgewinnen wollen, Neid im Wege steht, außer- dem, dass sie mit allen nur möglichen Mitteln des Krieges oder Friedens den Machtbereich des Staates erweitern und seine Ländereien und Ein- künfte vergrößern. Dieses sind die Aufgaben bedeutender Menschen; die- ses wurde bei unseren Vorfahren gewöhnlich verrichtet; diejenigen, die diese Arten von Pflichten mit höchstem Nutzen für den Staat ausführen, werden auch persönlich große Beliebtheit und Ruhm erlangen.

86-87 Anhang: Wert der Gesundheit und des Geldes

[86] In dieser Lehre über den Nutzen sind, wie Antipater von Tyros, ein Stoiker, der neulich in Athen gestorben ist, glaubt, zwei Punkte von Panaetius übergangen worden, die Sorge um die Gesundheit und das Geld; nach meiner Meinung hat der sehr bedeutende Philosoph diese Punkte übergangen, weil sie selbstverständlich waren; nützlich sind sie sicherlich. Aber die Gesundheit wird erhalten durch Kenntnis des eigenen Körpers und durch Beachtung dessen, was gewöhnlich entweder nützt oder schadet, durch Enthaltsamkeit in der ganzen Lebensweise, durch die Pflege des Körpers und letztlich durch die Kunst derjenigen, deren Wis- sen sich hierauf bezieht.

[87] Vermögen aber muss mit den Mitteln er- worben werden, die frei von Schande sind; es muss aber mit Sorgfalt und Sparsamkeit bewahrt und auch mit denselben Mitteln vermehrt wer- den. Diese Themen hat der Sokratiker Xenophon sehr treffend in dem Buch dargestellt, das ’Oeconomicus‘ betitelt ist, welches ich, als ich fast in dem Alter war, in dem du jetzt bist, aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt habe. Aber dieser ganze Bereich, der Erwerb und die Anlage des Geldes (ich wünschte auch der Gebrauch) wird von eini- gen sehr guten Männern, die bei der mittleren Torhalle sitzen, besser erörtert als von irgendwelchen Philosophen in einer Schule. Dennoch muss man die Geldgeschäfte lernen, denn sie gehören zum Nützlichen, das in diesem Buch erörtert worden ist.

88-89 Konflikt der Pflichten und des Nutzens

[88] Aber ein Vergleich des Nutzens, da dieses der vierte Punkt ist, den Panaetius übergangen hat, ist oft notwendig. Denn die Güter des Körpers werden gewöhnlich mit äußerlichen Gütern, die äußerlichen mit denen des Körpers, die Güter des Körpers untereinander und die äußerlichen Güter miteinander verglichen. Mit den äußerlichen Gütern werden die Güter des Körpers in der Weise verglichen,dass man lieber gesund als reich sein will, mit den Gütern des Körpers die äußerlichen so, dass man lieber reich als mit den größten Körperkräften ausgestattet sein will: Die Güter des Körpers werden untereinander so verglichen, dass die Gesundheit der Lust vorgezogen wird, die Kräfte der Schnelligkeit; der Vergleich der äußerlichen Güter aber fällt so aus, dass der Ruhm dem Reichtum, die Einkünfte in der Stadt denen auf dem Lande vorgezogen werden.

[89] Zu dieser Art von Vergleich gehört jener Ausspruch des greisen Cato; als er gefragt wurde, was hinsichtlich des Vermögens am meisten Vorteil einbringe, antwortete er: ”Gute Viehzucht treiben“; was an zweiter Stelle: ”Recht gute Viehzucht treiben“; was an dritter: ”Schlechte Viehzucht treiben“; was an vierter: ”Ackerbau treiben“. Und als jener, der gefragt hatte, gesagt hatte: ”Wie steht es mit der Geldausleihe gegen Zinsen?“, da entgegnete Cato: ”Das ist ja das Gleiche wie einen Menschen töten.“ Hieraus und aus vielem anderen muss erkannt werden, dass Vergleiche des Nutzens gewöhnlich angestellt werden und dieser vierte Bereich, die Pflichten zu erforschen, zu Recht hinzugefügt ist. Den Rest werden wir der Reihe nach darstellen.


[1] Quemadmodum officia ducerentur ab honestate, Marce fili, atque ab omni genere virtutis, satis explicatum arbitror libro superiore. Sequitur ut haec officiorum genera persequar, quae pertinent ad vitae cultum et ad earum rerum, quibus utuntur homines, facultatem, ad opes, ad copias [; in quo tum quaeri dixi, quid utile, quid inutile, tum ex utilibus quid utilius aut quid maxime utile]. De quibus dicere adgrediar, si pauca prius de instituto ac de iudicio meo dixero.

[2] Quamquam enim libri nostri complures non modo ad legendi, sed etiam ad scribendi studium excitaverunt, tamen interdum vereor ne quibusdam bonis viris philosophiae nomen sit invisum mirenturque in ea tantum me operae et temporis ponere. Ego autem quam diu res publica per eos gerebatur, quibus se ipsa commiserat, omnes meas curas cogitationesque in eam conferebam. Cum autem dominatu unius omnia tenerentur neque esset usquam consilio aut auctoritati locus, socios denique tuendae rei publicae summos viros amisissem, nec me angoribus dedidi, quibus essem confectus, nisi iis restitissem, nec rursum indignis homine docto voluptatibus.

[3] Atque utinam res publica stetisset quo coeperat statu nec in homines non tam commutandarum quam evertendarum rerum cupidos incidisset! Primum enim, ut stante re publica facere solebamus, in agendo plus quam in scribendo operae poneremus, deinde ipsis scriptis non ea, quae nunc, sed actiones nostras mandaremus, ut saepe fecimus. Cum autem res publica, in qua omnis mea cura, cogitatio, opera poni solebat, nulla esset omnino, illae scilicet litterae conticuerunt forenses et senatoriae.

[4] Nihil agere autem cum animus non posset, in his studiis ab initio versatus aetatis existimavi honestissime molestias posse deponi, si me ad philosophiam retulissem Cui cum multum adulescens discendi causa temporis tribuissem posteaquam honoribus inservire coepi meque totum rei publicae tradidi, tantum erat philosophiae loci, quantum superfuerat amicorum et rei publicae tempori. Id autem omne consumebatur in legendo, scribendi otium non erat.

[5] Maximis igitur in malis hoc tamen boni assecuti videmur, ut ea litteris mandaremus, quae nec erant satis nota nostris et erant cognitione dignissima. Quid enim est, per deos, optabilius sapientia, quid praestantius, quid homini melius, quid homine dignius? Hanc igitur qui expetunt, philosophi nominantur, nec quicquam aliud est philosophia, si interpretari velis, praeter studium sapientiae. Sapientia autem est, ut a veteribus philosophis definitum est, rerum divinarum et humanarum causarumque, quibus eae res continentur, scientia, cuius studium qui vituperat haud sane intellego quidnam sit quod laudandum putet.

[6] Nam sive oblectatio quaeritur animi requiesque curarum, quae conferri cum eorum studiis potest, qui semper aliquid anquirunt, quod spectet et valeat ad bene beateque vivendum? sive ratio constantiae virtutisque ducitur, aut haec ars est aut nulla omnino, per quam eas assequamur. Nullam dicere maximarum rerum artem esse, cum minimarum sine arte nulla sit, hominum est parum considerate loquentium atque in maximis rebus errantium. Si autem est aliqua disciplina virtutis, ubi ea quaeretur, cum ab hoc discendi genere discesseris. Sed haec cum ad philosophiam cohortamur, accuratius disputari solent, quod alio quodam libro fecimus. Hoc autem tempore tantum nobis declarandum fuit, cur orbati rei publicae muneribus, ad hoc nos studium potissimum contulissemus.

[7] Occuritur autem nobis, et quidem a doctis et eruditis quaerentibus, satisne constanter facere videamur, qui, cum percipi nihil posse dicamus, tamen et aliis de rebus disserere soleamus et hoc ipso tempore praecepta officii persequamur. Quibus vellem satis cognita esset nostra sententia. Non enim sumus ii, quorum vagetur animus errore nec habeat umquam quid sequatur. Quae enim esset ista mens vel quae vita potius, non modo disputandi, sed etiam vivendi ratione sublata? Nos autem, ut ceteri alia certa, alia incerta esse dicunt, sic ab his dissentientes alia probabilia, contra alia dicimus.

[8] Quid est igitur, quod me impediat ea, quae probabilia mihi videantur, sequi, quae contra improbare atque adfirmandi arrogantiam vitantem fugere temeritatem, quae a sapientia dissidet plurimum? Contra autem omnia disputantur a nostris, quod hoc ipsum probabile elucere non possit, nisi ex utraque parte causarum esset facta contentio. Sed haec explanata sunt in Academicis nostris satis, ut arbitror, diligenter. Tibi autem, mi Cicero, quamquam in antiquissima nobilissimaque philosophia Cratippo auctore versaris iis simillimo, qui ista praeclara pepererunt, tamen haec nostra, finituma vestris, ignota esse nolui. Sed iam ad instituta pergamus.

[9] Quinque igitur rationibus propositis officii persequendi, quarum duae ad decus honestatemque pertinerent, duae ad commoda vitae, copias, opes, facultates, quinta ad eligendi iudicium, si quando ea, quae dixi, pugnare inter se viderentur, honestatis pars confecta est, quam quidem tibi cupio esse notissimam. Hoc autem de quo nunc agimus, id ipsum est, quod utile appellatur. In quo verbo lapsa consuetudo deflexit de via sensimque eo deducta est, ut honestatem ab utilitate secernens constitueret esse honestum aliquid, quod utile non esset, et utile, quod non honestum, qua nulla pernicies maior hominum vitae potuit afferri.

[10] Summa quidem auctoritate philosophi severe sane atque honeste haec tria genera confusa cogitatione distinguunt: quicquid enim iustum sit, id etiam utile esse censent, itemque quod honestum, idem iustum, ex quo efficitur, ut, quicquid honestum sit, idem sit utile. Quod qui parum perspiciunt, ii saepe versutos homines et callidos admirantes, malitiam sapientiam iudicant. Quorum error eripiendus est opinioque omnis ad eam spem traducenda, ut honestis consiliis iustisque factis, non fraude et malitia se intellegant ea, quae velint, consequi posse.

[11] Quae ergo ad vitam hominum tuendam pertinent, partim sunt inanima, ut aurum, argentum, ut ea, quae gignuntur e terra, ut alia generis eiusdem, partim animalia, quae habent suos impetus et rerum appetitus. Eorum autem rationis expertia sunt, alia ratione utentia. Expertes rationis equi, boves, reliquae pecudes, apes, quarum opere efficitur aliquid ad usum hominum atque vitam. Ratione autem utentium duo genera ponunt, deorum unum, alterum hominum. Deos placatos pietas efficiet et sanctitas; proxime autem et secundum deos homines hominibus maxime utiles esse possunt.

[12] Earumque item rerum, quae noceant et obsint, eadem divisio est. Sed quia deos nocere non putant, iis exceptis homines hominibus obesse plurimum arbitrantur. Ea enim ipsa, quae inanima diximus, pleraque sunt hominum operis effecta, quae nec haberemus, nisi manus et ars accessisset, nec iis sine hominum administratione uteremur. Neque enim valitudinis curatio neque navigatio, neque agricultura neque frugum fructuumque reliquorum perceptio et conservatio sine hominum opera ulla esse potuisset.

[13] Iam vero et earum rerum quibus abundaremus, exportatio, et earum quibus egeremus invectio certe nulla esset, nisi iis muneribus homines fungerentur. Eademque ratione nec lapides ex terra exciderentur ad usum nostrum necessarii, nec ferrum, aes, aurum, argentum effoderetur penitus abditum sine hominum labore et manu. Tecta vero, quibus et frigorum vis pelleretur et calorum molestiae sedarentur, unde aut initio generi humano dari potuissent aut postea subvenire, si aut vi tempestatis aut terrae motu aut vetustate cecidissent, nisi communis vita ab hominibus harum rerum auxilia petere didicisset?

[14] Adde ductus aquarum, derivationes fluminum, agrorum inrigationes, moles oppositas fluctibus, portus manu factos, quae unde sine hominum opere habere possemus? Ex quibus multisque aliis perspicuum est, qui fructus quaeque utilitates ex rebus iis, quae sint inanima, percipiantur, eas nos nullo modo sine hominum manu atque opera capere potuisse. Qui denique ex bestiis fructus aut quae commoditas, nisi homines adiuvarent, percipi posset? Nam et qui principes inveniendi fuerunt, quem ex quaque belua usum habere possemus, homines certe fuerunt, nec hoc tempore sine hominum opera aut pascere eas aut domare aut tueri aut tempestivos fructus ex iis capere possemus; ab eisdemque et eae, quae nocent, interficiuntur et, quae usui possunt esse, capiuntur.

[15] Quid enumerem artium multitudinem, sine quibus vita omnino nulla esse potuisset? Qui enim aegris subveniretur, quae esset oblectatio valentium, qui victus aut cultus, nisi tam multae nobis artes ministrarent quibus rebus exculta hominum vita tantum distat a victu et cultu bestiarum. Urbes vero sine hominum coetu non potuissent nec aedificari nec frequentari, ex quo leges moresque constituti, tum iuris aequa discriptio certaque vivendi disciplina; quas res et mansuetudo animorum consecuta et verecundia est effectumque, ut esset vita munitior atque ut dando et accipiendo mutandisque facultatibus et commodis nulla re egeremus.

[16] Longiores hoc loco sumus quam necesse est. Quis est enim, cui non perspicua sint illa, quae pluribus verbis a Panaetio commemorantur, neminem neque ducem bello nec principem domi magnas res et salutares sine hominum studiis gerere potuisse. Commemoratur ab eo Themistocles, Pericles, Cyrus, Agesilaos, Alexander, quos negat sine adiumentis hominum tantas res efficere potuisse. Utitur in re non dubia testibus non necessariis. Atque ut magnas utilitates adipiscimur conspiratione hominum atque consensu, sic nulla tam detestabilis pestis est, quae non homini ab homine nascatur. Est Dicaearchi liber de interitu hominum, Peripatetici magni et copiosi, qui collectis ceteris causis eluvionis, pestilentiae, vastitatis, beluarum etiam repentinae multitudinis, quarum impetu docet quaedam hominum genera esse consumpta, deinde comparat, quanto plures deleti sint homines hominum impetu, id est bellis aut seditionibus, quam omni reliqua calamitate.

[17] Cum igitur hic locus nihil habeat dubitationis, quin homines plurimum hominibus et prosint et obsint, proprium hoc statuo esse virtutis, conciliare animos hominum et ad usus suos adiungere. Itaque, quae in rebus inanimis quaeque in usu et tractatione beluarum fiunt utiliter ad hominum vitam, artibus ea tribuuntur operosis, hominum autem studia, ad amplificationem nostrarum rerum prompta ac parata, virorum praestantium sapientia et virtute excitantur.

[18] Etenim virtus omnis tribus in rebus fere vertitur, quarum una est in perspiciendo, quid in quaque re verum sincerumque sit, quid consentaneum cuique, quid consequens, ex quo quaeque gignantur, quae cuiusque rei causa sit, alterum cohibere motus animi turbatos, quos Graeci pathe nominant, appetitionesque, quas illi hormas, oboedientes efficere rationi, tertium iis, quibuscum congregemur, uti moderate et scienter, quorum studiis ea, quae natura desiderat, expleta cumulataque habeamus, per eosdemque, si quid importetur nobis incommodi, propulsemus ulciscamurque eos, qui nocere nobis conati sint, tantaque poena adficiamus, quantam aequitas humanitasque patiatur.

[19] Quibus autem rationibus hanc facultatem assequi possimus, ut hominum studia complectamur eaque teneamus, dicemus, neque ita multo post, sed pauca ante dicenda sunt. Magnam vim esse in fortuna in utramque partem, vel secundas ad res vel adversas, quis ignorat? Nam et cum prospero flatu eius utimur, ad exitus pervehimur optatos et cum reflavit, affligimur. Haec igitur ipsa fortuna ceteros casus rariores habet, primum ab inanimis procellas, tempestates, naufragia, ruinas, incendia, deinde a bestiis ictus, morsus, impetus. Haec ergo, ut dixi, rariora.

[20] At vero interitus exercituum, ut proxime trium, saepe multorum clades imperatorum, ut nuper summi et singularis viri, invidiae praeterea multitudinis atque ob eas bene meritorum saepe civium expulsiones, calamitates, fugae, rursusque secundae res, honores, imperia, victoriae, quamquam fortuita sunt, tamen sine hominum opibus et studiis neutram in partem effici possunt. Hoc igitur cognito dicendum est, quonam modo hominum studia ad utilitates nostras allicere atque excitare possimus. Quae si longior fuerit oratio cum magnitudine utilitatis comparetur; ita fortasse etiam brevior videbitur.

[21] Quaecumque igitur homines homini tribuunt ad eum augendum atque honestandum, aut benivolentiae gratia faciunt, cum aliqua de causa quempiam diligunt, aut honoris, si cuius virtutem suspiciunt quemque dignum fortuna quam amplissima putant, aut cui fidem habent et bene rebus suis consulere arbitrantur, aut cuius opes metuunt, aut contra, a quibus aliquid exspectant, ut cum reges popularesve homines largitiones aliquas proponunt, aut postremo pretio ac mercede ducuntur, quae sordidissima est illa quidem ratio et inquinatissima et iis, qui ea tenentur, et illis, qui ad eam confugere conantur.

[22] Male enim se res habet, cum quod virtute effici debet, id temptatur pecunia. Sed quoniam non numquam hoc subsidium necessarium est, quemadmodum sit utendum eo dicemus, si prius iis de rebus, quae virtuti propriores sunt, dixerimus. Atque etiam subiciunt se homines imperio alterius et potestati de causis pluribus. Ducuntur enim aut benivolentia aut beneficiorum magnitudine aut dignitatis praestantia aut spe sibi id utile futurum aut metu ne vi parere cogantur aut spe largitionis promissisque capti aut postremo, ut saepe in nostra re publica videmus, mercede conducti.

[23] Omnium autem rerum nec aptius est quicquam ad opes tuendas ac tenendas quam diligi nec alienius quam timeri. Praeclare enim Ennius 'Quem metuunt oderunt; quem quisque odit, perisse expetit'. Multorum autem odiis nullas opes posse obsistere, si antea fuit ignotum, nuper est cognitum. Nec vero huius tyranni solum, quem armis oppressa pertulit civitas ac paret cum maxime mortuo interitus declarat, quantum odium hominum valeat ad pestem, sed reliquorum similes exitus tyrannorum, quorum haud fere quisquam talem interitum effugit. Malus enim est custos diuturnitatis metus contraque benivolentia fidelis vel ad perpetuitatem.

[24] Sed iis, qui vi oppressos imperio coercent, sit sane adhibenda saevitia, ut eris in famulos, si aliter teneri non possunt; qui vero in libera civitate ita se instruunt, ut metuantur, iis nihil potest esse dementius. Quamvis enim sint demersae leges alicuius opibus, quamvis timefacta libertas, emergunt tamen haec aliquando aut iudiciis tacitis aut occultis de honore suffragiis. Acriores autem morsus sunt intermissae libertatis quam retentae. Quod igitur latissime patet neque ad incolumitatem solum, sed etiam ad opes et potentiam valet plurimum, id amplectamur, ut metus absit, caritas retineatur. Ita facillime quae volemus et privatis in rebus et in re publica consequemur. Etenim qui se metui volent, a quibus metuentur, eosdem metuant ipsi necesse est.

[25] Quid enim censemus superiorem illum Dionysium quo cruciatu timoris angi solitum, qui cultros metuens tonsorios candente carbone sibi adurebat capillum? quid Alexandrum Pheraeum quo animo vixisse arbitramur? qui, ut scriptum legimus, cum uxorem Theben admodum diligeret, tamen ad eam ex epulis in cubiculum veniens barbarum, et eum quidem, ut scriptum est, conpunctum notis Thraeciis destricto gladio iubebat anteire praemittebatque de stipatoribus suis qui scrutarentur arculas muliebres et, ne quod in vestimentis telum occultaretur, exquirerent. O miserum, qui fideliorem et barbarum et stigmatiam putaret, quam coniugem. Nec eum fefellit; ab ea est enim ipsa propter pelicatus suspicionem interfectus. Nec vero ulla vis imperii tanta est, quae premente metu possit esse diuturna.

[26] Testis est Phalaris, cuius est praeter ceteros nobilitata crudelitas, qui non ex insidiis interiit, ut is, quem modo dixi, Alexander, non a paucis, ut hic noster, sed in quem universa Agrigentinorum multitudo impetum fecit. Quid? Macedones nonne Demetrium reliquerunt universique se ad Pyrrhum contulerunt? Quid? Lacedaemonios iniuste imperantes nonne repente omnes fere socii deseruerunt spectatoresque se otiosos praebuerunt Leuctricae calamitatis? Externa libentius in tali re quam domestica recordor. Verum tamen quam diu imperium populi Romani beneficiis tenebatur, non iniuriis, bella aut pro sociis aut de imperio gerebantur, exitus erant bellorum aut mites aut necessarii, regum, populorum, nationum portus erat et refugium senatus, nostri autem magistratus imperatoresque ex hac una re maximam laudem capere studebant, si provincias, si socios aequitate et fide defendissent.

[27] Itaque illud patrocinium orbis terrae verius quam imperium poterat nominari. Sensim hanc consuetudinem et disciplinam iam antea minuebamus, post vero Sullae victoriam penitus amisimus; desitum est enim videri quicquam in socios iniquum, cum exstitisset in cives tanta crudelitas. Ergo in illo secuta est honestam causam non honesta victoria. Est enim ausus dicere hasta posita, cum bona in foro venderet et bonorum virorum et locupletium et certe civium, praedam se suam vendere. Secutus est, qui in causa impia, victoria etiam foediore, non singulorum civium bona publicaret, sed universas provincias regionesque uno calamitatis iure comprehenderet.

[28] Itaque vexatis ac perditis exteris nationibus ad exemplum amissi imperii portari in triumpho Massiliam vidimus et ex ea urbe triumphari, sine qua numquam nostri imperatores ex transalpinis bellis triumpharunt. Multa praeterea commemorarem nefaria in socios, si hoc uno quicquam sol vidisset indignius. Iure igitur plectimur. Nisi enim multorum impunita scelera tulissemus, numquam ad unum tanta pervenisset licentia, a quo quidem rei familiaris ad paucos, cupiditatum ad multos improbos venit hereditas.

[29] Nec vero umquam bellorum civilium semen et causa deerit, dum homines perditi hastam illam cruentam et meminerint et sperabunt, quam P. Sulla cum vibrasset dictatore propinquo suo, idem sexto tricensimo anno post a sceleratiore hasta non recessit, alter autem, qui in illa dictatura scriba fuerat, in hac fuit quaestor urbanus. Ex quo debet intellegi talibus praemiis propositis numquam defutura bella civilia. Itaque parietes modo urbis stant et manent, iique ipsi iam extrema scelera metuentes, rem vero publicam penitus amisimus. Atque in has clades incidimus, (redeundum est enim ad propositum), dum metui quam cari esse et diligi malumus. Quae si populo Romano iniuste imperanti accidere potuerunt, quid debent putare singuli? Quod cum perspicuum sit benivolentiae vim esse magnam, metus imbecillam, sequitur ut disseramus, quibus rebus facillime possimus eam, quam volumus, adipisci cum honore et fide caritatem.

[30] Sed ea non pariter omnes egemus; nam ad cuiusque vitam institutam accommodandum est, a multisne opus sit an satis sit a paucis diligi. Certum igitur hoc sit, idque et primum et maxime necessarium familiaritates habere fidas amantium nos amicorum. haec enim est una res prorsus, ut non multum differat inter summos et mediocres viros, eaque utrisque est propemodum comparanda.

[31] Honore et gloria et benivolentia civium fortasse non aeque omnes egent, sed tamen, si cui haec suppetunt, adiuvant aliquantum cum ad cetera, tum ad amicitias comparandas. Sed de amicitia alio libro dictum est, qui inscribitur Laelius; nunc dicamus de gloria, quamquam ea quoque de re duo sunt nostri libri, sed attingamus, quandoquidem ea in rebus maioribus administrandis adiuvat plurimum. Summa igitur et perfecta gloria constat ex tribus his: si diligit multitudo, si fidem habet, si cum admiratione quadam honore dignos putat. Haec autem, si est simpliciter breviterque dicendum, quibus rebus pariuntur a singulis, eisdem fere a multitudine. Sed est alius quoque quidam aditus ad multitudinem, ut in universorum animos tamquam influere possimus.

[32] Ac primum de illis tribus, quae ante dixi, benevolentiae praecepta videamus; quae quidem capitur beneficiis maxime, secundo autem loco voluntate benefica benivolentia movetur, etiamsi res forte non suppetit; vehementer autem amor multitudinis commovetur ipsa fama et opinione liberalitatis, beneficentiae, iustitiae, fidei omniumque earum virtutum, quae pertinent ad mansuetudinem morum ac facilitatem. Etenim illud ipsum, quod honestum decorumque dicimus, quia per se nobis placet animosque omnium natura et specie sua commovet maximeque quasi perlucet ex iis, quas commemoravi, virtutibus, idcirco illos, in quibus eas virtutes esse remur, a natura ipsa diligere cogimur. Atque hae quidem causae diligendi gravissimae; possunt enim praeterea nonnullae esse leviores.

[33] Fides autem ut habeatur duabus rebus effici potest, si existimabimur adepti coniunctam cum iustitia prudentiam. Nam et iis fidem habemus, quos plus intellegere quam nos arbitramur quosque et futura prospicere credimus et cum res agatur in discrimenque ventum sit, expedire rem et consilium ex tempore capere posse; hanc enim utilem homines existimant veramque prudentiam. Iustis autem et fidis hominibus, id est bonis viris, ita fides habetur, ut nulla sit in iis fraudis iniuriaeque suspicio. Itaque his salutem nostram, his fortunas, his liberos rectissime committi arbitramur.

[34] Harum igitur duarum ad fidem faciendam iustitia plus pollet, quippe cum ea sine prudentia satis habeat auctoritatis; prudentia sine iustitia nihil valet ad faciendam fidem. Quo enim quis versutior et callidior, hoc invisior et suspectior detracta opinione probitatis. Quam ob rem intellegentiae iustitia coniuncta quantum volet habebit ad faciendam fidem virium, iustitia sine prudentia multum poterit, sine iustitia nihil valebit prudentia.

[35] Sed ne quis sit admiratus cur, cum inter omnes philosophos constet a meque ipso saepe disputatum sit, qui unam haberet, omnes habere virtutes, nunc ita seiungam, quasi possit quisquam, qui non idem prudens sit, iustus esse, alia est illa, cum veritas ipsa limatur in disputatione, subtilitas, alia, cum ad opinionem communem omnis accommodatur oratio. Quam ob rem, ut vulgus, ita nos hoc loco loquimur, ut alios fortes, alios viros bonos, alios prudentes esse dicamus. Popularibus enim verbis est agendum et usitatis, cum loquimur de opinione populari, idque eodem modo fecit Panaetius. Sed ad propositum revertamur.

[36] Erat igitur ex iis tribus, quae ad gloriam pertinerent, hoc tertium, ut cum admiratione hominum honore ab iis digni iudicaremur. Admirantur igitur communiter illi quidem omnia, quae magna et praeter opinionem suam animadverterunt, separatim autem in singulis, si perspiciunt nec opinata quaedam bona. Itaque eos viros suspiciunt maximisque efferunt laudibus, in quibus existimant se excellentes quasdam et singulares perspicere virtutes, despiciunt autem eos et contemnunt, in quibus nihil virtutis, nihil animi, nihil nervorum putant. Non enim omnes eos contemnunt, de quibus male existumant. Nam quos improbos, maledicos, fraudulentos putant et ad faciendam iniuriam instructos, eos contemnunt quidem neutiquam sed de iis male existumant. Quam ob rem, ut ante dixi, contemnuntur ii, qui 'nec sibi nec alteri', ut dicitur, in quibus nullus labor, nulla industria, nulla cura est.

[37] Admiratione autem adficiuntur ii, qui anteire ceteris virtute putantur et cum omni carere dedecore, tum vero iis vitiis, quibus alii non facile possunt obsistere. Nam et voluptates, blandissumae dominae, maioris partis animos a virtute detorquent et, dolorum cum admoventur faces, praeter modum plerique exterrentur; vita, mors, divitiae, paupertas omnes homines vehementissime permovent. Quae qui in utramque partem excelso animo magnoque despiciunt, cumque aliqua iis ampla et honesta res obiecta est, totos ad se convertit et rapit, tum quis non admiretur splendorem pulcritudinemque virtutis?

[38] Ergo et haec animi despicientia admirabilitatem magnam facit et maxume iustitia, ex qua una virtute viri boni appellantur, mirifica quaedam multitudini videtur, nec iniuria. Nemo enim iustus esse potest, qui mortem, qui dolorem, qui exilium, qui egestatem timet, aut qui ea, quae sunt his contraria, aequitati anteponit. Maximeque admirantur eum, qui pecunia non movetur; quod in quo viro perspectum sit, hunc igni spectatum arbitrantur. Itaque illa tria quae proposita sunt ad gloriam, omnia iustitia conficit, et benivolentiam, quod prodesse vult plurimis, et ob eandem causam fidem et admirationem, quod eas res spernit et neglegit, ad quas plerique inflammati aviditate rapiuntur.

[39] Ac mea quidem sententia omnis ratio atque institutio vitae adiumenta hominum desiderat, in primisque, ut habeat quibuscum possit familiares conferre sermones; quod est difficile, nisi speciem prae te boni viri feras. Ergo etiam solitario homini atque in agro vitam agenti opinio iustitiae necessaria est, eoque etiam magis, quod eam si non habebunt, [iniusti habebuntur] nullis praesidiis saepti multis afficientur iniuriis.

[40] Atque iis etiam, qui vendunt, emunt, conducunt, locant contrahendisque negotiis implicantur, iustitia ad rem gerendam necessaria est, cuius tanta vis est, ut ne illi quidem, qui maleficio et scelere pascuntur, possint sine ulla particula iustitiae vivere. Nam qui eorum cuipiam, qui una latrocinantur, furatur aliquid aut eripit, is sibi ne in latrocinio quidem relinquit locum, ille autem, qui archipirata dicitur, nisi aequabiliter praedam dispertiat, aut interficiatur a sociis aut relinquatur. Quin etiam leges latronum esse dicuntur, quibus pareant, quas observent. Itaque propter aequabilem praedae partitionem et Bardulis Illyrius latro, de quo est apud Theopompum, magnas opes habuit et multo maiores Viriatus Lusitanus, cui quidem etiam exercitus nostri imperatoresque cesserunt, quem C. Laelius, is qui Sapiens usurpatur, praetor fregit et comminuit ferocitatemque eius ita repressit, ut facile bellum reliquis traderet. Cum igitur tanta vis iustitiae sit, ut ea etiam latronum opes firmet atque augeat, quantam eius vim inter leges et iudicia et in constituta re publica fore putamus?

[41] Mihi quidem non apud Medos solum, ut ait Herodotus, sed etiam apud maiores nostros iustitiae fruendae causa videntur olim bene morati reges constituti. Nam cum premeretur in otio multitudo ab iis, qui maiores opes habebant, ad unum aliquem confugiebant virtute praestantem, qui cum prohiberet iniuria tenuiores, aequitate constituenda summos cum infimis pari iure retinebat. Eademque constituendarum legum fuit causa quae regum.

[42] Ius enim semper est quaesitum aequabile; neque enim aliter esset ius. Id si ab uno iusto et bono viro consequebantur, erant eo contenti; cum id minus contingeret, leges sunt inventae, quae cum omnibus semper una atque eadem voce loquerentur. Ergo hoc quidem perspicuum est, eos ad imperandum deligi solitos, quorum de iustitia magna esset opinio multitudinis. Adiuncto vero, ut idem etiam prudentes haberentur, nihil erat, quod homines iis auctoribus non posse consequi se arbitrarentur. Omni igitur ratione colenda et retinenda iustitia est, cum ipsa per sese (nam aliter iustitia non esset), tum propter amplificationem honoris et gloriae. Sed ut pecuniae non quaerendae solum ratio est, verum etiam collocandae, quae perpetuos sumptus suppeditet, nec solum necessarios, sed etiam liberales, sic gloria et quaerenda et collocanda ratione est.

[43] Quamquam praeclare Socrates hanc viam ad gloriam proximam et quasi compendiariam dicebat esse, si quis id ageret, ut qualis haberi vellet, talis esset. Quod si qui simulatione et inani ostentatione et ficto non modo sermone sed etiam voltu stabilem se gloriam consequi posse rentur, vehementer errant. Vera gloria radices agit atque etiam propagatur, ficta omnia celeriter tamquam flosculi decidunt nec simulatum potest quicquam esse diuturnum. Testes sunt permulti in utramque partem, sed brevitatis causa familia contenti erimus una. Tiberius enim Gracchus, P. f., tam diu laudabitur, dum memoria rerum Romanarum manebit, at eius filii nec vivi probabantur bonis et mortui numerum optinent iure caesorum. Qui igitur adipisci veram gloriam volet, iustitiae fungatur officiis. Ea quae essent, dictum est in libro superiore.

[44] Sed ut facillime, quales simus, tales esse videamur, etsi in eo ipso vis maxima est, ut simus ii, qui haberi velimus, tamen quaedam praecepta danda sunt. Nam si quis ab ineunte aetate habet causam celebritatis et nominis aut a patre acceptam, quod tibi, mi Cicero, arbitror contigisse, aut aliquo casu atque fortuna, in hunc oculi omnium coniciuntur atque in eum, quid agat, quemadmodum vivat, inquiritur, et, tamquam in clarissima luce versetur, ita nullum obscurum potest nec dictum eius esse nec factum.

[45] Quorum autem prima aetas propter humilitatem et obscuritatem in hominum ignoratione versatur, ii, simul ac iuvenes esse coeperunt, magna spectare et ad ea rectis studiis debent contendere; quod eo firmiore animo facient, quia non modo non invidetur illi aetati verum etiam favetur. Prima est igitur adulescenti commendatio ad gloriam, si qua ex bellicis rebus comparari potest, in qua multi apud maiores nostros extiterunt; semper enim fere bella gerebantur. Tua autem aetas incidit in id bellum, cuius altera pars sceleris nimium habuit, altera felicitatis parum. Quo tamen in bello cum te Pompeius alae [alteri] praefecisset, magnam laudem et a summo viro et ab exercitu consequebare equitando, iaculando, omni militari labore tolerando. Atque ea quidem tua laus pariter cum re publica cecidit. Mihi autem haec oratio suscepta non de te est, sed de genere toto. Quam ob rem pergamus ad ea, quae restant.

[46] Ut igitur in reliquis rebus multo maiora opera sunt animi quam corporis, sic eae res quas ingenio ac ratione persequimur, gratiores sunt quam illae, quas viribus. Prima igitur commendatio proficiscitur a modestia, tum pietate in parentes, in suos benivolentia. Facillume autem et in optimam partem cognoscuntur adulescentes, qui se ad claros et sapientes viros bene consulentes rei publicae contulerunt, quibuscum si frequentes sunt, opinionem adferunt populo eorum fore se similes, quos sibi ipsi delegerint ad imitandum.

[47] P. Rutilii adulescentiam ad opinionem et innocentiae et iuris scientiae P. Mucii commendavit domus. Nam L. quidem Crassus, cum esset admodum adulescens, non aliunde mutuatus est, sed sibi ipse peperit maximam laudem ex illa accusatione nobili et gloriosa, et qua aetate qui exercentur, laude adfici solent, ut de Demosthene accepimus, ea aetate L. Crassus ostendit, id se in foro optume iam facere, quod etiam tum poterat domi cum laude meditari.

[48] Sed cum duplex ratio sit orationis, quarum in altera sermo sit, in altera contentio, non est id quidem dubium, quin contentio [orationis] maiorem vim habeat ad gloriam (ea est enim, quam eloquentiam dicimus); sed tamen difficile dictu est, quantopere conciliet animos comitas adfabilitasque sermonis. Extant epistolae et Philippi ad Alexandrum et Antipatri ad Cassandrum et Antigoni ad Philippum filium, trium prudentissimorum (sic enim accepimus); quibus praecipiunt, ut oratione benigna multitudinis animos ad benivolentiam alliciant militesque blande appellando [sermone] deleniant. Quae autem in multitudine cum contentione habetur oratio, ea saepe universam excitat [gloriam]; magna est enim admiratio copiose sapienterque dicentis; quem qui audiunt, intellegere etiam et sapere plus quam ceteros arbitrantur. Si vero inest in oratione mixta modestia gravitas nihil admirabilius fieri potest, eoque magis, si ea sunt in adulescente.

[49] Sed cum sint plura causarum genera, quae eloquentiam desiderent, multique in nostra re publica adulescentes et apud iudices et apud populum et apud senatum dicendo laudem assecuti sint, maxima est admiratio in iudiciis, quorum ratio duplex est. Nam ex accusatione et ex defensione constat, quarum etsi laudabilior est defensio, tamen etiam accusatio probata persaepe est. Dixi paulo ante de Crasso. Idem fecit adulescens M. Antonius. Etiam P. Sulpicii eloquentiam accusatio inlustravit, cum seditiosum et inutilem civem, C. Norbanum, in iudicium vocavit.

[50] Sed hoc quidem non est saepe faciendum nec umquam nisi aut rei publicae causa, ut ii, quos ante dixi, aut ulciscendi gratia, ut duo Luculli, aut patrocinii, ut nos pro Siculis, pro Sardis in Albucio Iulius. In accusando etiam M.' Aquilio L. Fufii cognita industria est. Semel igitur aut non saepe certe. Sin erit, cui faciendum sit saepius, rei publicae tribuat hoc muneris, cuius inimicos ulcisci saepius non est reprehendendum; modus tamen adsit. Duri enim hominis, vel potius vix hominis videtur periculum capitis inferre multis. Id cum periculosum ipsi est, tum etiam sordidum ad famam committere, ut accusator nominere; quod contigit M. Bruto, summo genere nato, illius filio, qui iuris civilis in primis peritus fuit.

[51] Atque etiam hoc praeceptum officii diligenter tenendum est, ne quem umquam innocentem iudicio capitis arcessas; id enim sine scelere fieri nullo pacto potest. Nam quid est tam inhumanum, quam eloquentiam a natura ad salutem hominum et ad conservationem datam ad bonorum pestem perniciemque convertere? Nec tamen, ut hoc fugiendum est, item est habendum religioni nocentem aliquando, modo ne nefarium impiumque defendere. Vult hoc multitudo, patitur consuetudo, fert etiam humanitas. Iudicis est semper in causis verum sequi, patroni non numquam veri simile, etiam si minus sit verum, defendere, quod scribere, praesertim cum de philosophia scriberem, non auderem, nisi idem placeret gravissimo Stoicorum Panaetio. Maxime autem et gloria paritur et gratia defensionibus, eoque maior, si quando accidit, ut ei subveniatur, qui potentis alicuius opibus circumveniri urgerique videatur, ut nos et saepe alias et adulescentes contra L. Sullae dominantis opes pro Sex. Roscio Amerino fecimus, quae, ut scis, extat oratio.

[52] Sed eitis adulescentium officiis, quae valeant ad gloriam adipiscendam, deinceps de beneficentia ac de liberalitate dicendum est, cuius est ratio duplex. Nam aut opera benigne fit indigentibus aut pecunia. Facilior est haec posterior locupleti praesertim, sed illa lautior ac splendidior et viro forti claroque dignior. Quamquam enim in utroque inest gratificandi liberalis voluntas, tamen altera ex arca, altera ex virtute depromitur, largitioque, quae fit ex re familiari, fontem ipsum benignitatis exhaurit. Ita benignitate benignitas tollitur, qua quo in plures usus sis, eo minus in multos uti possis.

[53] At qui opera, id est virtute et industria, benefici et liberales erunt, primum, quo pluribus profuerint, eo plures ad benigne faciendum adiutores habebunt, dein consuetudine beneficentiae paratiores erunt et tamquam exercitatiores ad bene de multis promerendum. Praeclare in epistula quadam Alexandrum filium Philippus accusat, quod largitione benivolentiam Macedonum consectetur: 'Quae te, malum!' inquit, 'ratio in istam spem induxit, ut eos tibi fideles putares fore, quos pecunia corrupisses? An tu id agis, ut Macedones non te regem suum, sed ministrum et praebitorem sperent fore?' Bene 'ministrum et praebitorem', quia sordidum regi, melius etiam, quod largitionem 'corruptelam ' dixit esse; fit enim deterior, qui accipit, atque ad idem semper expectandum paratior.

[54] Hoc ille filio, sed praeceptum putemus omnibus. Quam ob rem id quidem non dubium est, quin illa benignitas, quae constet ex opera et industria, et honestior sit et latius pateat et possit prodesse pluribus. Non numquam tamen est largiendum nec hoc benignitatis genus omnino repudiandum est et saepe idoneis hominibus indigentibus de re familiari impertiendum, sed diligenter atque moderate. Multi enim patrimonia effuderunt, inconsulte largiendo. Quid autem est stultius quam. quod libenter facias, curare ut id diutius facere non possis? Atque etiam sequuntur largitionem rapinae. Cum enim dando egere coeperunt, alienis bonis manus afferre coguntur. Ita, cum benivolentiae comparandae causa benefici esse velint, non tanta studia assequuntur eorum, quibus dederunt, quanta odia eorum, quibus ademerunt.

[55] Quam ob rem nec ita claudenda res est familiaris, ut eam benignitas aperire non possit, nec ita reseranda, ut pateat omnibus; modus adhibeatur isque referatur ad facultates. Omnino meminisse debemus id, quod a nostris hominibus saepissime usurpatum iam in proverbii consuetudinem venit, largitionem fundum non habere. Etenim quis potest modus esse, cum et idem, qui consueverunt et idem illud alii desiderent. Omnino duo sunt genera largorum, quorum alteri prodigi, alteri liberales; prodigi, qui epulis et viscerationibus et gladiatorum muneribus ludorum venationumque apparatu pecunias profundunt in eas res, quarum memoriam aut brevem aut nullam omnino sint relicturi, liberales autem, qui suis facultatibus aut captos a praedonibus redimunt, aut aes alienum suscipiunt amicorum aut in filiarum collocatione adiuvant aut opitulantur vel in re quaerenda vel augenda.

[56] Itaque miror, quid in mentem venerit Theophrasto, in eo libro, quem de divitiis scripsit, in quo multa praeclare, illud absurde: est enim multus in laudanda magnificentia et apparitione popularium munerum taliumque sumptuum facultatem fructum divitiarum putat. Mihi autem ille fructus liberalitatis, cuius pauca exempla posui, multo et maior videtur et certior. Quanto Aristoteles gravius et verius nos reprehendit, qui has pecuniarum effusiones non admiremur, quae fiunt ad multitudinem deleniendam. At ii, 'qui ab hoste obsidentur, si emere aquae sextarium cogerentur mina, hoc primo incredibile nobis videri omnesque mirari, sed cum adtenderint, veniam necessitati dare, in his immanibus iacturis infinitisque sumptibus nihil nos magnopere mirari, cum praesertim neque necessitati subveniatur nec dignitas augeatur ipsaque illa delectatio multitudinis ad breve exiguumque tempus capiatur eaque a levissimo quoque, in quo tamen ipso una cum satietate memoria quoque moriatur voluptatis.'

[57] Bene etiam colligit 'haec pueris et mulierculis et servis et servorum simillimis liberis esse grata, gravi vero homini et ea, quae fiunt, iudicio certo ponderanti probari posse nullo modo'. Quamquam intellego in nostra civitate inveterasse iam bonis temporibus, ut splendor aedilitatum ab optimis viris postuletur. Itaque et P. Crassus cum cognomine dives tum copiis functus est aedilicio maximo munere, et paulo post L. Crassus cum omnium hominum moderatissimo Q. Mucio magnificentissima aedilitate functus est, deinde C. Claudius App. f., multi post, Luculli, Hortensius, Silanus; omnes autem P. Lentulus me consule vicit superiores; hunc est Scaurus imitatus; magnificentissima vero nostri Pompei munera secundo consulatu; in quibus omnibus quid mihi placeat, vides.

[58] Vitanda tamen suspicio est avaritiae. Mamerco, homini divitissimo, praetermissio aedilitatis consulatus repulsam attulit. Quare et si postulatur a populo, bonis viris si non desiderantibus, ad tamen approbantibus faciundum est, modo pro facultatibus, nos ipsi ut fecimus, et si quando aliqua res maior atque utilior populari largitione adquiritur, ut Oresti nuper prandia in semitis decumae nomine magno honori fuerunt. Ne M. quidem Seio vitio datum est, quod in caritate asse modium populo dedit; magna enim se et inveterata invidia nec turpi iactura, quando erat aedilis, nec maxima liberavit. Sed honori summo nuper nostro Miloni fuit qui gladiatoribus emptis rei publicae causa, quae salute nostra continebatur, omnes P. Clodii conatus furoresque compressit.

[59] Causa igitur largitionis est, si aut necesse est aut utile. In his autem ipsis mediocritatis regula optima est. L. quidem Philippus, Q. f., magno vir ingenio inprimisque clarus, gloriari solebat se sine ullo munere adeptum esse omnia, quae haberentur amplissima. Dicebat idem Cotta, Curio. Nobis quoque licet in hoc quodam modo gloriari; nam pro amplitudine honorum, quos cunctis suffragiis adepti sumus nostro quidem anno, quod contigit eorum nemini, quos modo nominavi, sane exiguus sumptus aedilitatis fuit.

[60] Atque etiam illae impensae meliores, muri, navalia, portus, aquarum ductus omniaque, quae ad usum rei publicae pertinent, quamquam, quod praesens tamquam in manum datur, iucundius est, tamen haec in posterum gratiora. Theatra, porticus, nova templa verecundius reprehendo propter Pompeium, sed doctissimi non probant, ut et hic ipse Panaetius, quem multum in his libris secutus sum non interpretatus, et Phalereus Demetrius, qui Periclem, principem Graeciae vituperat, quod tantam pecuniam in praeclara illa propylaea coniecerit. Sed de hoc genere toto in iis libris, quos de re publica scripsi, diligenter est disputatum. Tota igitur ratio talium largitionum genere vitiosa est, temporibus necessaria et tum ipsum et ad facultates accommodanda et mediocritate moderanda est.

[61] In illo autem altero genere largiendi, quod a liberalitate proficiscitur, non uno modo in disparibus causis adfecti esse debemus. Alia causa est eius, qui calamitate premitur, et eius, qui res meliores quaerit nullis suis rebus adversis.

[62] Propensior benignitas esse debebit in calamitosos, nisi forte erunt digni calamitate. In iis tamen, qui se adiuvari volent, non ne adfligantur, sed ut altiorem gradum ascendant, restricti omnino esse nullo modo debemus, sed in deligendis idoneis iudicium et diligentiam adhibere. Nam praeclare Ennius 'Bene facta male locata male facta arbitror'.

[63] Quod autem tributum est bono viro et grato, in eo cum ex ipso fructus est, tum etiam ex ceteris. Temeritate enim remota gratissima est liberalitas, eoque eam studiosius plerique laudant, quod summi cuiusque bonitas commune perfugium est omnium. Danda igitur opera est, ut iis beneficiis quam plurimos adficiamus, quorum memoria liberis posterisque prodatur, ut iis ingratis esse non liceat. Omnes enim immemorem beneficii oderunt eamque iniuriam in deterrenda liberalitate sibi etiam fieri, eumque, qui faciat communem hostem tenuiorum putant. Atque haec benignitas etiam rei publicae est utilis, redimi e servitute captos, locupletari tenuiores; quod quidem volgo solitum fieri ab ordine nostro in oratione Crassi scriptum copiose videmus. Hanc ergo consuetudinem benignitatis largitioni munerum longe antepono; haec est gravium hominum atque magnorum, illa quasi assentatorum populi multitudinis levitatem voluptate quasi titillantium.

[64] Conveniet autem cum in dando munificum esse, tum in exigendo non acerbum in omnique re contrahenda, vendundo emendo, conducendo locando, vicinitatibus et confiniis aequum, facilem, multa multis de suo iure cedentem, a litibus vero, quantum liceat et nescio an paulo plus etiam, quam liceat, abhorrentem. Est enim non modo liberale paulum non numquam de suo iure decedere, sed interdum etiam fructuosum. Habenda autem ratio est rei familiaris, quam quidem dilabi sinere flagitiosum est, sed ita, ut inliberalitatis avaritiaeque absit suspicio. Posse enim liberalitate uti non spoliantem se patrimonio nimirum est pecuniae fructus maximus. Recte etiam a Theophrasto est laudata hospitalitas. Est enim, ut mihi quidem videtur, valde decorum patere domos hominum inlustrium hospitibus inlustribus idque etiam rei publicae est ornamento homines externos hoc liberalitatis genere in urbe nostra non egere. Est autem etiam vehementer utile iis, qui honeste posse multum volunt, per hospites apud externos populos valere opibus et gratia. Theophrastus quidem scribit Cimonem Athenis etiam in suos curiales Laciadas hospitalem fuisse; ita enim instituisse et vilicis imperavisse, ut omnia praeberentur, quicumque Laciades in villam suam devertisset.

[65] Quae autem opera, non largitione beneficia dantur, haec tum in universam rem publicam tum in singulos cives conferuntur. Nam in iure cavere, consilio iuvare atque hoc scientiae genere prodesse quam plurimis vehementer et ad opes augendas pertinet et ad gratiam. Itaque cum multa praeclara maiorum, tum quod optime constituti iuris civilis summo semper in honore fuit cognitio atque interpretatio; quam quidem ante hanc confusionem temporum in possessione sua principes retinuerunt, nunc, ut honores, ut omnes dignitatis gradus, sic huius scientiae splendor deletus est, idque eo indignius, quod eo tempore hoc contigit, cum is esset, qui omnes superiores, quibus honore par esset, scientia facile vicisset. Haec igitur opera grata multis et ad beneficiis obstringendos homines accommodata.

[66] Atque huic arti finitima est dicendi gravior facultas et gratior et ornatior. Quid enim eloquentia praestabilius vel admiratione audientium vel spe indigentium vel eorum, qui defensi sunt, gratia? Huic quoque ergo a maioribus nostris est in toga dignitatis principatus datus. Diserti igitur hominis et facile laborantis, quodque in patriis est moribus, multorum causas et non gravate et gratuito defendentis beneficia et patrocinia late patent.

[67] Admonebat me res, ut hoc quoque loco intermissionem eloquentiae, ne dicam interitum deplorarem, ni vererer, ne de me ipso aliquid viderer queri. Sed tamen videmus, quibus extinctis oratoribus, quam in paucis spes quanto in paucioribus facultas, quam in multis sit audacia. Cum autem omnes non possint, ne multi quidem, aut iuris periti esse aut diserti, licet tamen opera prodesse multis beneficia petentem, commendantem iudicibus, magistratibus, vigilantem pro re alterius, eos ipsos, qui aut consuluntur aut defendunt, rogantem; quod qui faciunt, plurimum gratiae consequuntur, latissimeque eorum manat industria.

[68] Iam illud non sunt admonendi, (est enim in promptu), ut animadvertant, cum iuvare alios velint, ne quos offendant. Saepe enim aut eos laedunt, quos non debent, aut eos, quos non expedit; si imprudentes, neglegentiae est, si scientes temeritatis. Utendum etiam est excusatione adversus eos, quos invitus offendas, quacumque possis, quare id, quod feceris, necesse fuerit nec aliter facere potueris, ceterisque operis et officiis erit id, quod violatum videbitur, compensandum.

[69] Sed cum in hominibus iuvandis aut mores spectari aut fortuna soleat, dictu quidem est proclive, itaque volgo loquuntur, se in beneficiis collocandis mores hominum, non fortunam sequi. Honesta oratio est, sed quis est tandem, qui inopis et optimi viri causae anteponat in opera danda gratiam fortunati et potentis? A quo enim expeditior et celerior remuneratio fore videtur, in eum fere est voluntas nostra propensior. Sed animadvertendum est diligentius, quae natura rerum sit. Nimirum enim inops ille, si bonus est vir, etiam si referre gratiam non potest, habere certe potest. Commode autem, quicumque dixit, 'pecuniam qui habeat, non reddidisse, qui reddiderit non habere, gratiam autem et, qui rettulerit, habere et, qui habeat, rettulisse'. At qui se locupletes, honoratos, beatos putant, ii ne obligari quidem beneficio volunt; qui etiam beneficium se dedisse arbitrantur, cum ipsi quamvis magnum aliquod acceperint, atque etiam a se aut postulari aut exspectari aliquid suspicantur, patrocinio vero se usos aut clientes appellari mortis instar putant.

[70] At vero ille tenuis, cum quidquid factum sit, se spectatum, non fortunam putat, non modo illi qui est meritus, sed etiam illis, a quibus exspectat (eget enim multis), gratum se videri studet, neque vero verbis auget suum munus, si quo forte fungitur, sed etiam extenuat. Videndumque illud est, quod, si opulentum fortunatumque defenderis, in uno illo aut, si forte, in liberis eius manet gratia; sin autem inopem, probum tamen et modestum, omnes non improbi humiles quae magna in populo multitudo est, praesidium sibi paratum vident.

[71] Quam ob rem melius apud bonos quam apud fortunatos beneficium collocari puto. Danda omnino opera est, ut omni generi satis facere possimus, sed, si res in contentionem veniet, nimirum Themistocles est auctor adhibendus, qui cum consuleretur, utrum bono viro pauperi an minus probato diviti filiam collocaret 'Ego vero, inquit, malo virum, qui pecunia egeat, quam pecuniam quae viro'. Sed corrupti mores depravatique sunt admiratione divitiarum; quarum magnitudo quid ad unumquemque nostrum pertinet? Illum fortasse adiuvat, qui habet; ne id quidem semper; sed fac iuvare; utentior sane sit, honestior vero quomodo? Quod si etiam bonus erit vir, ne impediant divitiae quominus iuvetur, modo ne adiuvent, sitque omne iudicium, non quam locuples, sed qualis quisque sit. Extremum autem praeceptum in beneficiis operaque danda, ne quid contra aequitatem contendas, ne quid pro iniuria; fundamentum enim est perpetuae commendationis et famae iustitia, sine qua nihil potest esse laudabile.

[72] Sed quoniam de eo genere beneficiorum dictum est, quae ad singulos spectant, deinceps de iis, quae ad universos quaeque ad rem publicam pertinent, disputandum est. Eorum autem ipsorum partim eius modi sunt, ut ad universos cives pertineant, partim, singulos ut attingant, quae sunt etiam gratiora. Danda opera est omnino, si possit, utrisque, nec minus, ut etiam singulis consulatur, sed ita, ut ea res aut prosit aut certe ne obsit rei publicae. C. Gracchi frumentaria magna largitio, exhauriebat igitur aerarium; modica M. Octavii et rei publicae tolerabilis et plebi necessaria, ergo et civibus et rei publicae salutaris.

[73] In primis autem videndum erit ei, qui rem publicam administrabit, ut suum quisque teneat neque de bonis privatorum publice deminutio fiat. Perniciose enim Philippus in tribunatu cum legem agrariam ferret, quam tamen antiquari facile passus est et in eo vehementer se moderatum praebuit--sed cum in agendo multa populariter, tum illud male, 'non esse in civitate duo milia hominum, qui rem haberent'. Capitalis oratio est ad aequationem bonorum pertinens, qua peste quae potest esse maior? Hanc enim ob causam maxime, ut sua tenerentur, res publicae civitatesque constitutae sunt. Nam, etsi duce natura congregabantur homines, tamen spe custodiae rerum suarum urbium praesidia quaerebant.

[74] Danda etiam opera est, ne, quod apud maiores nostros saepe fiebat propter aerarii tenuitatem assiduitatemque bellorum, tributum sit conferendum, idque ne eveniat multo ante erit providendum. Sin quae necessitas huius muneris alicui rei publicae obvenerit (malo enim quam nostrae ominari neque tamen de nostra, sed de omni re publica disputo), danda erit opera, ut omnes intellegant, si salvi esse velint, necessitati esse parendum. Atque etiam omnes, qui rem publicam gubernabunt, consulere debebunt ut earum rerum copia sit, quae sunt necessariae. Quarum qualis comparatio fieri soleat et debeat, non est necesse disputare; est enim in promptu; tantum locus attingendus fuit.

[75] Caput autem est in omni procuratione negotii et muneris publici, ut avaritiae pellatur etiam minima suspicio. 'Utinam', inquit C. Pontius Samnis, 'ad illa tempora me fortuna reservavisset et tum essem natus, quando Romani dona accipere coepissent. Non essem passus diutius eos imperare.' Ne illi multa saecula expectanda fuerunt: modo enim hoc malum in hanc rem publicam invasit. Itaque facile patior tum potius Pontium fuisse, si quidem in illo tantum fuit roboris. Nondum centum et decem anni sunt, cum de pecuniis repetundis a L. Pisone lata lex est nulla antea cum fuisset. At vero postea tot leges et proxumae quaeque duriores, tot rei, tot damnati, tantum [Italicum] bellum propter iudiciorum metum excitatum, tanta sublatis legibus et iudiciis expilatio direptioque sociorum, ut inbecillitate aliorum, non nostra virtute valeamus.

[76] Laudat Africanum Panaetius, quod fuerit abstinens. Quidni laudet? Sed in illo alia maiora; laus abstinentiae non hominis est solum, sed etiam temporum illorum. Omni Macedonum gaza, quae fuit maxima, potitus [est] Paulus; tantum in aerarium pecuniae invexit, ut unius imperatoris praeda finem attulerit tributorum. At hic nihil domum suam intulit praeter memoriam nominis sempiternam. Imitatus patrem Africanus nihilo locupletior Carthagine eversa. Quid? qui eius collega fuit in censura, L. Mummius, num quid copiosior, cum copiosissimam urbem funditus sustulisset? Italiam ornare quam domum suam maluit; quamquam Italia ornata domus ipsa mihi videtur ornatior.

[77] Nullum igitur vitium taetrius est, ut eo, unde digressa est, referat se oratio, quam avaritia, praesertim in principibus et rem publicam gubernantibus. Habere enim quaestui rem publicam non modo turpe est, sed sceleratum etiam et nefarium. Itaque, quod Apollo Pythius oraclum edidit, Spartam nulla re alia nisi avaritia esse perituram, id videtur non solum Lacedaemoniis, sed etiam omnibus opulentis populis praedixisse. Nulla autem re conciliare facilius benivolentiam multitudinis possunt ii, qui rei publicae praesunt, quam abstinentia et continentia.

[78] Qui vero se populares volunt ob eamque causam aut agrariam rem temptant, ut possessores pellantur suis sedibus, aut pecunias creditas debitoribus condonandas putant, labefactant fundamenta rei publicae, concordiam primum, quae esse non potest, cum aliis adimuntur, aliis condonantur pecuniae, deinde aequitatem, quae tollitur omnis, si habere suum cuique non licet. Id enim est proprium, ut supra dixi, civitatis atque urbis, ut sit libera et non sollicita suae rei cuiusque custodia.

[79] Atque in hac pernicie rei publicae ne illam quidem consequuntur, quam putant, gratiam. Nam cui res erepta est, est inimicus; cui data est, etiam dissimulat se accipere voluisse et maxime in pecuniis creditis occultat suum gaudium, ne videatur non fuisse solvendo. At vero ille, qui accipit iniuriam, et meminit et prae se fert dolorem suum, nec, si plures sunt ii, quibus inprobe datum est, quam illi, quibus iniuste ademptum est, idcirco plus etiam valent. Non enim numero haec iudicantur, sed pondere. Quam autem habet aequitatem, ut agrum multis annis aut etiam saeculis ante possessum qui nullum habuit habeat, qui autem habuit amittat?

[80] Ac propter hoc iniuriae genus Lacedaemonii Lysandrum ephorum expulerunt, Agim regem, quod nunquam antea apud eos acciderat, necaverunt, exque eo tempore tantae discordiae secutae sunt, ut et tyranni existerent et optumates exterminarentur et praeclarissime constituta res publica dilaberetur. Nec vero solum ipsa cecidit, sed etiam reliquam Graeciam evertit contagionibus malorum, quae a Lacedaemoniis profectae manarunt latius. Quid? nostros Gracchos, Ti. Gracchi summi viri filios, Africani nepotes, nonne agrariae contentiones perdiderunt?

[81] At vero Aratus Sicyonius iure laudatur, qui, cum eius civitas quinquaginta annos a tyrannis teneretur, profectus Argis Sicyonem clandestino introitu urbe est potitus, cumque tyrannum Nicoclem inproviso oppressisset, sescentos exules, qui locupletissimi fuerant eius civitatis, restituit remque publicam adventu suo liberavit. Sed cum magnam animadverteret in bonis et possessionibus difficultatem, quod et eos, quos ipse restituerat, quorum bona alii possederant, egere iniquissimum esse arbitrabatur et quinquaginta annorum possessiones movere non nimis aequum putabat, propterea quod tam longo spatio multa hereditatibus, multa emptionibus, multa dotibus tenebantur sine iniuria, iudicavit neque illis adimi nec iis non satis fieri, quorum illa fuerant, oportere.

[82] Cum igitur statuisset opus esse ad eam rem constituendam pecunia Alexandream se proficisci velle dixit remque integram ad reditum suum iussit esse, isque celeriter ad Ptolomaeum, suum hospitem, venit, qui tum regnabat alter post Alexandream conditam. Cui cum euisset patriam se liberare velle causamque docuisset, a rege opulento vir summus facile impetravit, ut grandi pecunia adiuvaretur. Quam cum Sicyonem attulisset, adhibuit sibi in consilium quindecim principes, cum quibus causas cognovit et eorum, qui aliena tenebant, et eorum, qui sua amiserant, perfecitque aestumandis possessionibus, ut persuaderet aliis, ut pecuniam accipere mallent, possessionibus cederent, aliis, ut commodius putarent numerari sibi, quod tanti esset, quam suum recuperare. Ita perfectum est, ut omnes concordia constituta sine querella discederent.

[83] O virum magnum dignumque, qui in re publica nostra natus esset! Sic par est, agere cum civibus, non, ut bis iam vidimus, hastam in foro ponere et bona civium voci subicere praeconis. At ille Graecus, id quod fuit sapientis et praestantis viri, omnibus consulendum putavit, eaque est summa ratio et sapientia boni civis, commoda civium non divellere atque omnis aequitate eadem continere. Habitent gratis in alieno. Quid ita? ut, cum ego emerim, aedificarim, tuear, impendam, tu me invito fruare meo? Quid est aliud aliis sua eripere, aliis dare aliena?

[84] Tabulae vero novae quid habent argumenti, nisi ut emas mea pecunia fundum, eum tu habeas, ego non habeam pecuniam? Quam ob rem ne sit aes alienum, quod rei publicae noceat, providendum est, quod multis rationibus caveri potest, non, si fuerit, ut locupletes suum perdant, debitores lucrentur alienum. Nec enim ulla res vehementius rem publicam continet quam fides, quae esse nulla potest, nisi erit necessaria solutio rerum creditarum. Numquam vehementius actum est quam me consule ne solveretur. Armis et castris temptata res est ab omni genere hominum et ordine; quibus ita restiti, ut hoc totum malum de re publica tolleretur. Numquam nec maius aes alienum fuit nec melius nec facilius dissolutum est; fraudandi enim spe sublata solvendi necessitas consecuta est. At vero hic nunc victor tum quidem victus, quae cogitarat, cum ipsius intererat, tum ea perfecit, cum eius iam nihil interesset. Tanta in eo peccandi libido fuit, ut hoc ipsum eum delectaret peccare, etiam si causa non esset.

[85] Ab hoc igitur genere largitionis, ut aliis detur, aliis auferatur, aberunt ii, qui rem publicam tuebuntur, inprimisque operam dabunt, ut iuris et iudiciorum aequitate suum quisque teneat et neque tenuiores propter humilitatem circumveniantur neque locupletibus ad sua vel tenenda vel recuperanda obsit invidia, praeterea, quibuscumque rebus vel belli vel domi poterunt, rem publicam augeant imperio, agris, vectigalibus. Haec magnorum hominum sunt, haec apud maiores nostros factitata, haec genera officiorum qui persecuntur cum summa utilitate rei publicae magnam ipsi adipiscentur et gratiam et gloriam.

[86] In his autem utilitatum praeceptis Antipater Tyrius, Stoicus, qui Athenis nuper est mortuus, duo praeterita censet esse a Panaetio, valitudinis curationem et pecuniae; quas res a summo philosopho praeteritas arbitror, quod essent faciles; sunt certe utiles. Sed valetudo sustentatur notitia sui corporis et observatione, quae res aut prodesse soleant aut obesse, et continentia in victu omni atque cultu corporis tuendi causa praetermittendis voluptatibus, postremo arte eorum quorum ad scientiam haec pertinent.

[87] Res autem familiaris quaeri debet iis rebus, a quibus abest turpitudo, conservari autem diligentia et parsimonia, eisdem etiam rebus augeri. Has res commodissime Xenophon Socraticus persecutus est in eo libro, qui Oeconomicus inscribitur, quem nos, ista fere aetate cum essemus, qua es tu nunc, e Graeco in Latinum convertimus. Sed toto hoc de genere, de quaerenda, de collocanda pecunia, (vellem etiam de utenda), commodius a quibusdam optimis viris ad Ianum medium sedentibus quam ab ullis philosophis ulla in schola disputatur. Sunt tamen ea cognoscenda; pertinent enim ad utilitatem, de qua hoc libro disputatum est.

[88] Sed utilitatum comparatio, quoniam hic locus erat quartus, a Panaetio praetermissus, saepe est necessaria. Nam et corporis commoda cum externis [et externa cum corporis] et ipsa inter se corporis et externa cum externis comparari solent. Cum externis corporis hoc modo comparantur, valere ut malis quam dives esse, [cum corporis externa hoc modo, dives esse potius quam maximis corporis viribus,] ipsa inter se corporis sic, ut bona valitudo voluptati anteponatur, vires celeritati, externorum autem, ut gloria divitiis, vectigalia urbana rusticis.

[89] Ex quo genere comparationis illud est Catonis senis: a quo cum quaereretur, quid maxime in re familiari expediret, respondit: "Bene pascere"; quid secundum: "Satis bene pascere"; quid tertium: "Male pascere"; quid quartum "Arare"; et cum ille, qui quaesierat, dixisset: "Quid faenerari?", tum Cato: "Quid hominem," inquit, "occidere?" Ex quo et multis aliis intellegi debet utilitatum comparationes fieri solere recteque hoc adiunctum esse exquirendorum officiorum genus. Reliqua deinceps persequemur.


Kommentare anzeigen (1 Stück) Impressum Cicero: De Officiis - Liber PrimusCicero: De Officiis - Liber Ter...