Cicero - De Amicitia (Der Wert der Freundschaft)

Übersetzt von Markus Westphal und Patrick Jungk

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[17] Laelius. Wahrlich mache ich mir keine Umstände, da ich es mir selbst zutraue; denn es ist eine interessante Angelegenheit, und wie Fannius gesagt hat haben wir Zeit. Aber wer bin ich schon ? Oder welche Fähigkeiten habe ich ? Es ist die Gewohnheit der Gelehrten, und zwar der Griechen, dass ihnen das vorgelegt wird, worüber sie gleich auf der Stelle diskutieren sollen. Schwierig ist es und es bedarf nicht geringer Übung. Deswegen glaube ich solltet ihr das, was man über die Freundschaft sagen kann, von denen verlagen, die dies auch beruflich tun; ich kann euch nur ermahnen die Freundschaft vor alle übrigen menschlichen Dinge zu stellen; nichts ist nämlich so naturgemäß, so angemessen zu den Dingen sei es glücklicher oder unglücklicher.

[17] Laelius: Ego vero non gravarer, si mihi ipse confiderem; nam et praeclara res est et sumus, ut dixit Fannius, otiosi. Sed quis ego sum? aut quae est in me facultas? doctorum est ista consuetudo, eaque Graecorum, ut iis ponatur de quo disputent quamvis subito; magnum opus est egetque exercitatione non parva. Quam ob rem quae disputari de amicitia possunt, ab eis censeo petatis qui ista profitentur; ego vos hortari tantum possum ut amicitiam omnibus rebus humanis anteponatis; nihil est enim tam naturae aptum, tam conveniens ad res vel secundas vel adversas.

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[18] Aber zuerst meine ich, dass die Freundschaft nicht sein kann, wenn nicht in guten Menschen; und ich nehme das nicht allzu genau, wie jene, die das gründlich erörtern, und vielleicht zutreffender, aber für das Leben in der Gemeinschaft zu wenig nutzbringend: sie leugnen nämlich, dass irgendjemand ein guter Mensch sein kann, außer einem Weisen. Das mag gewiss sein; aber sie erklären dies als Weisheit, was bis jetzt niemand der Sterblicher erreicht hat; wir müssen aber uns dem widmen, was im Gemeinschaftsleben gewöhnlich ist, und nicht dem, was man sich vorstellt oder wünscht. Ich möchte niemals sagen, dass C. Fabricus, Markus Curius oder T. Coruncanius, die unsere Vorfahren als weise beurteilten, nach deren Maßstab weise waren. Deshalb mögen sie den sowohl unklaren als auch zweifelhaften Begriff der Weisheit für sich behalten, und sich zugestehen, dass sie gute Männer waren. Nicht einmal das werden sie machen; sie werden leugnen, dass dies nur einen Weisen zugestanden werden kann.

[18] Sed hoc primum sentio, nisi in bonis amicitiam esse non posse; neque id ad vivum reseco, ut illi qui haec subtilius disserunt, fortasse vere, sed ad communem utilitatem parum; negant enim quemquam esse virum bonum nisi sapientem. Sit ita sane; sed eam sapientiam interpretantur quam adhuc mortalis nemo est consecutus, nos autem ea quae sunt in usu vitaque communi, non ea quae finguntur aut optantur, spectare debemus. Numquam ego dicam C. Fabricium, M'. Curium, Ti. Coruncanium, quos sapientes nostri maiores iudicabant, ad istorum normam fuisse sapientes. Quare sibi habeant sapientiae nomen et invidiosum et obscurum; concedant ut viri boni fuerint. Ne id quidem facient, negabunt id nisi sapienti posse concedi.

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[19] Lasst uns also mit schlichtem Hausverstand handeln, wie sie sagen. Wer sich so verhält, so lebt, dass man deren Treue anerkennt, deren Unbescholtenheit, deren Gleichheits- und Freiheitssinn, und dass man bei ihnen keine Begierigkeit, Zügellosigkeit und Unverschämtheit zu finden ist und dass bei ihnen große Standhaftigkeit vorhanden ist, sowie diese waren, die ich genannt habe, möchten wir glauben, dass diese auch als gute Menschen zu bezeichnen sind, wie man sie eingeschätzt hat, weil sie der Natur folgen, wie viel ein Mensch so kann, als Führerin des besten Lebens. Ich glaube nämlich zu durchschauen, dass wir so geboren sind, dass zwischen allen Menschen eine Art gesellschaftliche Bindung besteht, und eine engere Verbindung je näher man aufeinander zugeht. Deshalb gelten uns die Mitbürger mehr als Ausländer und Verwandte mehr als Fremde; mit diesen stellt sich die Natur die Freundschaft selbst her; aber diese Freundschaft hat nicht genügend Festigkeit. Und darin übertrifft die Freundschaft das verwandtschaftliche Verhältnis, da aus der Verwandtschaft das Wohlwollen genommen werden kann, aus der Freundschaft aber nicht. Wenn nämlich das Wohlwollen genommen wird, nimmt man den Namen der Freundschaft weg, und der der Verwandtschaft bleibt.

[19] Agamus igitur pingui, ut aiunt, Minerva. Qui ita se gerunt, ita vivunt ut eorum probetur fides, integritas, aequitas, liberalitas, nec sit in eis ulla cupiditas, libido, audacia, sintque magna constantia, ut ii fuerunt modo quos nominavi, hos viros bonos, ut habiti sunt, sic etiam appellandos putemus, quia sequantur, quantum homines possunt, naturam optimam bene vivendi ducem. Sic enim mihi perspicere videor, ita natos esse nos ut inter omnes esset societas quaedam, maior autem ut quisque proxime accederet. Itaque cives potiores quam peregrini, propinqui quam alieni; cum his enim amicitiam natura ipsa peperit; sed ea non satis habet firmitatis. Namque hoc praestat amicitia propinquitati, quod ex propinquitate benevolentia tolli potest, ex amicitia non potest; sublata enim benevolentia amicitiae nomen tollitur, propinquitatis manet.

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[20] Wie groß aber die Bedeutung der Freundschaft ist, das kann man am besten daran erkennen, dass sie aus der grenzenlosen Gemeinschaft des menschlichen Geschlechtes, die die Natur selbst gestiftet hat, den Kreis verkleinert und auf enge Grenzen beschränkt hat, sodass das Band der Liebe zwischen zweien oder zwischen wenigen Personen geknüpft wird. Es ist nämlich Freundschaft nichts anderes als mit Wohlwollen und Hochachtung gepaarte Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen; Vielleicht wurde von den Göttern nichts besseres gegeben als die Freundschaft, wenn man die Weisheit nicht beachtet. Die einen stellen den Reichtum von allem anderen vor, die anderen die Gesundheit, wieder andere die Macht, wieder andere die Ehre und viele sogar die Sinneslust. Nur Rindviecher bevorzugen das Letztgenannte, nämlich die Sinneslust, jene davor genannten Güter jedoch die höchst vergänglich und unsicher sind, sind nicht so sehr in unserer Entscheidungsgewalt als in der Zufälligkeit des Schicksals. Die aber in die Tugend das höchste Gut legen handeln gewiss hervorragend, denn diese Tugend selbst gebärt und beinhaltet jene Freundschaft, denn ohne die Tugend kann die Freundschaft nicht bestehen.

[20] Quanta autem vis amicitiae sit, ex hoc intellegi maxime potest, quod ex infinita societate generis humani, quam conciliavit ipsa natura, ita contracta res est et adducta in angustum ut omnis caritas aut inter duos aut inter paucos iungeretur. Est enim amicitia nihil aliud nisi omnium divinarum humanarumque rerum cum benevolentia et caritate consensio; qua quidem haud scio an excepta sapientia nihil melius homini sit a dis immortalibus datum. Divitias alii praeponunt, bonam alii valetudinem, alii potentiam, alii honores, multi etiam voluptates. Beluarum hoc quidem extremum, illa autem superiora caduca et incerta, posita non tam in consiliis nostris quam in fortunae temeritate. Qui autem in virtute summum bonum ponunt, praeclare illi quidem, sed haec ipsa virtus amicitiam et gignit et continet nec sine virtute amicitia esse ullo pacto potest.

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[21] Ferner lasst uns die Tugend aus unserem gewöhnlichen Leben heraus beurteilen, und sie nicht, wie gewisse Gelehrte, an der Pracht der Worte messen und lasst uns gute Männer aufzählen, die diese besitzen, Menschen wie Paulus, Cato, Galus, Scipio und Philius; jenen war das zufriedene Leben gemeinsam; jene aber übergehen wir, die nirgends gänzlich zu finden sind.

[21] Iam virtutem ex consuetudine vitae sermonisque nostri interpretemur nec eam, ut quidam docti, verborum magnificentia metiamur virosque bonos eos, qui habentur, numeremus, Paulos, Catones, Galos, Scipiones, Philos; his communis vita contenta est; eos autem omittamus, qui omnino nusquam reperiuntur.

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[22] Eine Freundschaft zwischen solchen Männern beinhaltet so große Gelegenheiten, wie ich kaum zu sagen wage. Zunächst, wie kann ein Leben lebenswert sein, wie Ennius sagte, das nicht in gegenseitigem Wohlwollen von Freunden ruht? Was kann schöner sein, als irgendjemanden zu haben, mit dem du alles besprechen kannst, wie mit dir selbst? Was wäre das für ein hoher Genuss im Glück, wenn du niemanden hättest, der sich gleichsam wie du selbst darüber freut? Wahrlich wäre es schwer ein Unglück zu tragen, ohne einen, der das sogar schwerer als du ertragen würde. Zuletzt sind die Dinge, die erstrebenswert sind, nur für eine Sache günstig: Reichtum, damit du ihn gebrauchst, Einfluss, damit du durch ihn Achtung gewinnst, Ehre, damit du gelobt wirst, Sinneslust, damit du dich an ihr erfreust, Gesundheit, damit du keinen Schmerz hast und damit du die körperlichen Aufgaben erfüllen kannst; die Freundschaft beinhaltet die meisten Dinge; wohin auch immer du dich wendest, sie ist da, an keinem Ort wird sie ausgeschlossen, niemals kommt sie ungelegen, niemals ist sie lästig; deshalb benutzen wir nicht das Wasser, nicht das Feuer, wie gesagt, bei mehreren Gelegenheiten als die Freundschaft. Und ich spreche jetzt nicht über jene alltägliche Freundschaft oder über eine mittelmäßige Freundschaft, die dennoch sich selbst erhält und nutzt, sondern ich spreche über die vollkommene Freundschaft, wie sie bei denen gewesen ist, wie sie nur bei wenigen genannt wird. Denn sie macht sowohl das Glück glänzender als auch das Unglück leichter durch Teilen und Mitleiden.

[22] Talis igitur inter viros amicitia tantas opportunitates habet quantas vix queo dicere. Principio qui potest esse vita 'vitalis', ut ait Ennius, quae non in amici mutua benevolentia conquiescit? Quid dulcius quam habere quicum omnia audeas sic loqui ut tecum? Qui esset tantus fructus in prosperis rebus, nisi haberes, qui illis aeque ac tu ipse gauderet? adversas vero ferre difficile esset sine eo qui illas gravius etiam quam tu ferret. Denique ceterae res quae expetuntur opportunae sunt singulae rebus fere singulis, divitiae, ut utare, opes, ut colare, honores, ut laudere, voluptates, ut gaudeas, valetudo, ut dolore careas et muneribus fungare corporis; amicitia res plurimas continet; quoquo te verteris, praesto est, nullo loco excluditur, numquam intempestiva, numquam molesta est; itaque non aqua, non igni, ut aiunt, locis pluribus utimur quam amicitia. Neque ego nunc de vulgari aut de mediocri, quae tamen ipsa et delectat et prodest, sed de vera et perfecta loquor, qualis eorum qui pauci nominantur fuit. Nam et secundas res splendidiores facit amicitia et adversas partiens communicansque leviores.

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[23] Wenn schon die Freundschaft die meisten und größten Bequemlichkeiten enthält, so steht jene doch freilich allem voran, was die gute Hoffnung für die Zukunft in Aussicht stellt. Und sie duldet nicht, dass der Wille geschwächt wird oder zusammenbricht. Wer nämlich auf einen wahren Freund blickt, erblickt gleichsam irgendein Abbild seiner selbst. Deswegen sind sowohl Abwesende da, als auch Bedürftige reich, ebenso Schwache gesund, und auch - was schwieriger zu verstehen ist - Tote lebendig. So große Ehre und Erinnerung, so große Sehnsucht nach den Freunden begleitet dich. In Folge dessen, erscheint der Tod jener schön und das Leben jener lobenswert.

[23] Cumque plurimas et maximas commoditates amicitia contineat, tum illa nimirum praestat omnibus, quod bonam spem praelucet in posterum nec debilitari animos aut cadere patitur. Verum enim amicum qui intuetur, tamquam exemplar aliquod intuetur sui. Quocirca et absentes adsunt et egentes abundant et imbecilli valent et, quod difficilius dictu est, mortui vivunt; tantus eos honos, memoria, desiderium prosequitur amicorum. Ex quo illorum beata mors videtur, horum vita laudabilis. Quod si exemeris ex rerum natura benevolentiae coniunctionem, nec domus ulla nec urbs stare poterit, ne agri quidem cultus permanebit. Id si minus intellegitur, quanta vis amicitiae concordiaeque sit, ex dissensionibus atque ex discordiis percipi potest. Quae enim domus tam stabilis, quae tam firma civitas est, quae non odiis et discidiis funditus possit everti? Ex quo quantum boni sit in amicitia iudicari potest.

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[24] Agrigentinum quidem doctum quendam virum carminibus Graecis vaticinatum ferunt, quae in rerum natura totoque mundo constarent quaeque moverentur, ea contrahere amicitiam, dissipare discordiam. Atque hoc quidem omnes mortales et intellegunt et re probant. Itaque si quando aliquod officium exstitit amici in periculis aut adeundis aut communicandis, quis est qui id non maximis efferat laudibus? Qui clamores tota cavea nuper in hospitis et amici mei M. Pacuvi nova fabula! cum ignorante rege, uter Orestes esset, Pylades Orestem se esse diceret, ut pro illo necaretur, Orestes autem, ita ut erat, Orestem se esse perseveraret. Stantes plaudebant in re ficta; quid arbitramur in vera facturos fuisse? Facile indicabat ipsa natura vim suam, cum homines, quod facere ipsi non possent, id recte fieri in altero iudicarent. Hactenus mihi videor de amicitia quid sentirem potuisse dicere; si quae praeterea sunt (credo autem esse multa), ab iis, si videbitur, qui ista disputant, quaeritote.

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[25] Fannius: Nos autem a te potius; quamquam etiam ab istis saepe quaesivi et audivi non invitus equidem; sed aliud quoddam filum orationis tuae.
Scaevola: Tum magis id diceres, Fanni, si nuper in hortis Scipionis, cum est de re publica disputatum, adfuisses. Qualis tum patronus iustitiae fuit contra accuratam orationem Phili!
Fannius: Facile id quidem fuit iustitiam iustissimo viro defendere.
Scaevola: Quid? amicitiam nonne facile ei qui ob eam summa fide, constantia iustitiaque servatam maximam gloriam ceperit?

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