Kaiser Justinian
Justinian, der das oströmische Reich seit 527 regierte, gilt vielen als der letzte bedeutende Herrscher der Spätantike, sein Todesjahr 565 ist ein häufig genanntes Enddatum der antiken Geschichte. Er wurde 482 als Petrus Sabbatius in dem kleinen illyrischen Ort Taurisium geboren, der in den Balkanprovinzen des oströmischen Reiches, in denen Latein noch die Umgangsprache war, lag. Als Kaiser hat er die unbedeutende Siedlung prächtig ausbauen lassen, doch ging die Stadt wenig später zugrunde.
Justin I. und Justinian
Einige Jahre vor Justinians Geburt war sein Onkel Justin in die Hauptstadt Konstantinopel gezogen und hatte sich dort als Soldat nach oben gedient. Im Alter von fast 70 Jahren gelang es ihm, der schon seit längerem von seinem Neffen beraten wurde, auf etwas undurchsichtige Weise, nach dem Tod des Kaisers Anastasius den Thron zu besteigen. Petrus Sabbatius, der Sohn seiner Schwester, war wohl schon früher von ihm adoptiert worden und nannte sich nun Iustinianus. Wenn man den Quellen glauben darf, war Justin recht ungebildet und blieb während seiner neunjährigen Regierung weitgehend von den Ratschlägen Justinians abhängig. Der Historiker Prokop, der weder Justinian noch seinem Onkel besondere Sympathie entgegenbrachte, behauptet, Justin habe sogar zum Schreiben seines eigenen Namens eine Schablone gebraucht.
Ganz anders Justinian, der im Frühjahr 527 zunächst Mitregent und dann, im Sommer, Alleinherrscher wurde. Selbst seine Feinde gestanden ihm zu, dass er bis tief in die Nacht mit Aktenstudium und anderer Regierungsarbeit befasst war. So wie er zuvor der engste Vertraute und Ratgeber seines Onkels gewesen war, so scheint nun seine Gattin, die Kaiserin Theodora, bis zu ihrem Tod beinahe wie eine Mitregentin agiert zu haben - obwohl es offenbar Gerede über ihre dubiose Vergangenheit (sie soll Prostituierte gewesen sein) und ihre angebliche oder tatsächliche Vorliebe für die monophysitische Häresie gegeben hat. Der wichtigste Mitarbeiter des Kaisers war daneben lange Zeit der hohe Beamte Johannes von Kappadokien.
Der Nika-Aufstand 532
Nach zwei großen Schlachten bei Dara und Kallinikon - jeweils einem Sieg und einer Niederlage - gegen die Perser gelang es 531/32, mit dem neuen König des Sasanidenreiches, Husrav Anushirvan, einen "Ewigen Frieden" zu schließen. Damit herrschte nach längerer Zeit wieder Ruhe an der römischen Ostfront. Etwa um die gleiche Zeit, Anfang 532, kam es in Konstantinopel zu einer großen Revolte gegen den Kaiser, dem berühmten Nika-Aufstand, so genannt nach dem griechischen Imperativ "Siege!", der Parole der beiden Zirkusparteien. In der Spätantike waren von den früher vier Parteiungen, die ursprünglich ähnlich wie moderne Fanclubs aus Anhängern der verschiedenen (Wagen-)Rennställe bestanden, noch die Grünen und die Blauen übrig, die normalerweise verfeindet waren, sich nun aber verbündeten und binnen kurzem versuchten, Justinian durch Verwandte seines Vorvorgängers Anastasius zu ersetzen.
Die genauen Zusammenhänge sind etwas unklar, möglicherweise hat Justinian sogar selbst den Aufstand bewusst provoziert, um zu einem Zeitpunkt, zu dem an den äußeren Fronten Ruhe herrschte und sein bester Feldherr Belisar mit Truppen in der Hauptstadt weilte, die Opposition ein für alle Mal zu zerschlagen. Doch das ist nicht sicher, die antiken Quellen, allen voran Prokop von Caesarea, legen eher nahe, dass dem Kaiser zunächst die Kontrolle zu entgleiten drohte und er sich, als er sich in den Palast zurückgezogen hatte und an Flucht dachte, nur durch ein energisches Eingreifen Theodoras zum Bleiben entschloss. Wie dem auch sei: Kaisertreue Truppen unter Belisar stürmten das Hippodrom (den Circus mit den Rennbahnen), in dem sich die Aufständischen versammelt hatten, und richteten unter den überraschten, bereits siegessicheren Menschen ein Blutbad an. Der Gegenkaiser Hypatius, ein Neffe des Anastasius, wurde hingerichtet.
Das Corpus Iuris Civilis
Bereits in der Anfangsphase seiner Regierung ließ Justinian das geltende römische Recht sammeln - die ältesten aufgenommenen Gesetze waren 400 Jahre alt. Den älteren Sammlungen wie dem Codex Theodosianus von 438 war damit die Gültigkeit genommen. Bereits 532 erschienen die Digesten, eine Zusammenfassung des geltenden Juristenrechts, 533 die Institutiones als juristisches Lehrbuch, und im November 534 wurde dann der Codex Iustinianus veröffentlicht. In den folgenden Jahren wurde dieses Werk, das als Corpus Iuris Civilis über viele Jahrhunderte von größter Bedeutung war, noch durch zahlreiche Novellen erweitert - im Gegensatz zu den früheren Teilen waren diese nicht Latein, sondern Griechisch abgefasst.
Die Rückeroberung Nordafrikas
Gelang es dem Kaiser also, sich vermittels des Corpus Iuris gewissermaßen zu verewigen, waren die zum Teil spektakulären militärischen Erfolge, die seine Truppen erringen konnten, alles in allem wenig dauerhaft. 533 nutzte Justinian eine günstige Gelegenheit, um einige tausend Soldaten - eine Armee von 20.000 oder 30.000 Mann galt in dieser Zeit als bereits recht groß - unter dem bewährten Belisar eine Invasion in Nordafrika versuchen zu lassen, das bereits seit etwa 100 Jahren unter der Herrschaft der germanischen Vandalen stand. Die Operation hatte überraschend großen Erfolg, die Vandalen wurden in zwei größeren Schlachten geschlagen, ihr König gefangen genommen, und Nordafrika wurde wieder als römische Provinz dem Kaiser in Konstantinopel unterstellt. Es dauerte allerdings eine Weile, bis das Gebiet wirklich wieder zu Ruhe kam.
Dennoch war die Begeisterung über den in dieser Größe völlig überraschenden Erfolg enorm; Belisar durfte gar als erster nicht zur Kaiserfamilie gehörender Feldherr seit über 500 Jahren eine Art Triumphzug abhalten. Vielleicht ist Justinian erst jetzt auf den Gedanken gekommen, den westlichen Mittelmeerraum wieder der römischen Herrschaft zu unterwerfen und das Imperium Romanum zu erneuern. Auf jeden Fall ist er diesem Ziel näher gekommen als jeder andere.
Der Angriff auf das Ostgotenreich
In Italien, dem alten römischen Kernland, das seit dem Ende des westlichen Kaisertums 476/80 unter germanischer Herrschaft stand, war es nach dem Tod des bedeutenden Ostgotenkönigs Theoderich zu inneren Wirren gekommen. Wenige Jahre später, 535, wurde seine Tochter Amalasuntha ermordet, und Justinian nahm den Tod der römerfreundlichen Königin zum Vorwand, ein Heer unter Belisar nach Westen zu schicken, um die Ostgotenherrschaft zu beseitigen und Italien wieder seiner Herrschaft zu unterstellen. Nach erheblichen römischen Anfangserfolgen geriet die Offensive ins Stocken, nachdem der kompetente König Witigis seinem Vorgänger Theodahad auf den gotischen Thron gefolgt war.
Doch 540 geriet Witigis durch Verrat - Belisar hatte andeuten lassen, er wolle mit den Goten kooperieren und selbst als neuer weströmischer Kaiser über Goten und Römer herrschen - in römische Gefangenschaft, und mit der alten Kaiserresidenz Ravenna fiel fast ganz Italien an Justinian. Belisar reiste mit dem betrogenen König nach Konstantinopel.
Rückschläge: Perser, Goten, Pest
Doch diesmal kam es zu keinem Triumphzug, denn als Belisar beim Kaiser eintraf, erreichte die Hauptstadt die Nachricht, dass die sasanidischen Perser im Osten den Frieden gebrochen und im römischen Syrien eingefallen waren. Antiochia am Orontes, neben Konstantinopel und Alexandria die bedeutendste Stadt des Reiches, war gefallen, seine Einwohner großteils ins Perserreich verschleppt worden. Erst langsam und unter großen Verlusten an Menschen und Material konnte die Lage wieder stabilisiert werden. Dieser neue Perserkrieg sollte, von Atempausen unterbrochen, 22 Jahre dauern; erst 3 Jahre vor seinem Tod konnte Justinian 561/62 Frieden mit König Husrav schließen. Überdies entbrannte der Krieg in Italien nun erneut, denn den Goten unter ihrem neuen König Totila waren die Vorgänge im Osten nicht entgangen (Prokop will sogar wissen, dass zwei gotische Agenten den Perserkönig zu seinem Angriff aufgestachelt hätten). Sie nutzten die römische Schwäche und eroberten fast ganz Italien zurück.
Belisars große Zeit war vorüber. Justinian schickte ihn - jeweils ohne ausreichende Truppen - zunächst an die Perserfront und dann nach Italien, doch konnte der General nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen. Ein weiterer Schlag traf das Imperium, als um 542 eine verheerende Seuche (die "justinianische Pest") ausbrach, die zwar auch die Nachbarländer nicht verschonte, die aber besonders die aufs Höchste angespannten Kräfte des Reiches drastisch verringerte.
Vorübergehende Erfolge in Italien und Spanien
Doch Justinian war noch nicht gewillt, seinen Plan aufzugeben. Anfang der 550er Jahre wurden noch einmal fast alle militärischen Kräfte auf Italien konzentriert, und tatsächlich gelang es dem Feldherrn Narses, die Goten zu schlagen. In den Entscheidungsschlachten fielen Totila und sein Nachfolger Teja, und obwohl sich noch fast zehn Jahre lang vereinzelte gotische Garnisonen behaupten konnten, war der Krieg damit 553 im wesentlichen zugunsten der Römer entschieden - keiner konnte ahnen, dass nur 15 Jahre später die Langobarden im Rahmen des letzten großen Zuges der Völkerwanderung in Italien einfallen und es zu großen Teilen endgültig der römisch-byzantinischen Herrschaft entreißen würden. Vielmehr erließ Justinian 554 die so genannte "Pragmatische Sanktion", mit der die Verwaltung des nunmehr wieder römischen Italiens geregelt werden sollte - der jahrelange Krieg hatte das Land allerdings ruiniert.
Ebenfalls Anfang der 550er Jahre scheinen sich die Römer Wirren im spanischen Westgotenreich zu Nutze gemacht zu haben, 552 setzte ein Heer von Nordafrika aus auf die iberische Halbinsel über. Offenbar konnte man bestimmte Gebiete im Süden Spaniens einige Jahre lang kontrollieren, doch sind Umfang und Dauerhaftigkeit dieser Rückeroberung nicht zu hoch anzusetzen. Die oströmische Herrschaft in Spanien war nur Episode. Insgesamt dürfte Justinian die Kräfte des Reiches wohl überspannt und damit die Slawen- und Langobardeneinfälle, die Rückschläge im bald nach seinem Tod wieder ausgebrochenen Perserkrieg und vielleicht letztlich auch den weitgehenden Zusammenbruch des Imperiums im 7. Jahrhundert mitverschuldet haben.
Zwischen Antike und Mittelalter
Unter Justinian, der - etwa im Rahmen des so genannten "Dreikapitelstreits" - auch in innerkirchliche Streitigkeiten eingriff, scharfe Gesetze gegen die letzten Heiden im römischen Reich erließ und gerade in der zweiten Hälfte seiner Regierung starkes Interesse an theologischen Dingen zeigte, wird zwar eine Erneuerung des alten römischen Reiches versucht, es enden aber auch manche antiken Traditionen. So reißt unter ihm die Reihe der römischen Konsuln, die zwar seit Augustus kaum noch Macht, aber immer noch höchstes Ansehen genossen hatten, de facto endgültig ab. Die Schließung der platonischen Akademie in Athen 529 gilt vielen als ein Epochedatum der abendländischen Geistesgeschichte. Zwar wird unter Justinian in Heer und Verwaltung noch meist Latein gesprochen, doch zeichnet sich das griechischsprachige byzantinische Reich des 7. bis 15. Jahrhunderts bereits deutlich am Horizont ab. Gerade seit der Krise in den frühen 540er Jahren mehren sich die bereits mittelalterlichen Züge in Gesellschaft und Verwaltung.
Andererseits erlebt die (spät-)antike Kultur unter Justinian noch einmal eine letzte Nachblüte. Der Historiker Prokop etwa schreibt neben dem rätselhaften Pamphlet der "Geheimgeschichte" auch klassizistische Werke, die sich vor ihren großen Vorbildern nicht zu verstecken brauchen - so die "Kriegsgeschichte" und die "Bauwerke", wobei letztere die Bauten Justinians beschreiben (und loben). Neben den aufwändigen Befestigungsanlagen an fast allen Fronten ist dabei natürlich vor allem die Hagia Sophia zu nennen, ein letzter Höhepunkt antiker Architektur. Die Kirche war viele Jahrhunderte lang die größte der Christenheit, wurde 1453 zur Moschee und ist heute als Museum eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Istanbuls. Justinian starb am 11. November 565.

Quellen:
  • K.Bringmann, Justinian, in: M.Clauss (Hrsg.), Die römischen Kaiser, München 1997, S.431ff.
  • J.A.S. Evans, The age of Justinian. The circumstances of imperial power, London 1996.
  • M.Meier, Das andere Zeitalter Justinians, Göttingen 2003.
  • B. Rubin, Das Zeitalter Justinians, Bd.1, Berlin 1960 (Bd. 2 erschien posthum 1995).
Von Henning Börm

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