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    <description>
        <author>Tacitus</author>
        <title>Annales 16</title>
        <snippet>Der Tod des Thrasea Paetus</snippet>
        <translator>Rainer Lohmann</translator>
        <textkind>prosa</textkind>
        <firstnumber>24</firstnumber>
        <navigation>
            <previous url="intro.html">Annales Einführung</previous>
            <previous url="annales_16_1.xml">Erster Abschnitt (Kapitel 21-23)</previous>
            <next url="annales_16_3.xml">Dritter Abschnitt (Kapitel 30-35)</next>
        </navigation>
    </description>

    <structure>
        <list style="list-style: decimal; visibility: hidden">
            <item number="24">Zweiter Abschnitt (Kapitel 24-29)</item>
        </list>
    </structure>


    <text>
        <section from="24" to="24">
            <german>
                (1) Nachdem also die ganze Bürgerschaft hinausgeströmt war, um den Kaiser in Empfang zu nehmen und den
                König anzuschauen, ließ Thrasea, obwohl man ihn von dem Zusammentreffen ferngehalten hatte, den Mut
                nicht sinken, sondern er verfasste ein Schreiben an Nero, in dem er sich nach den Vorwürfen erkundigte
                und versicherte, er werde sie entkräften, wenn er Kenntnis von den Beschuldigungen und die Möglichkeit
                habe, sie zu widerlegen. (2) Dieses Schreiben nahm Nero eilends entgegen in der Hoffnung, Thrasea habe
                aufgeschreckt Worte geschrieben, durch die er die Berühmtheit des Kaisers hervorheben und seinen eigenen
                Ruf schänden wolle. Als dieses nicht eintrat und er obendrein den offenen Blick, das Selbstbewusstsein
                und den Freimut des Unschuldigen sehr fürchtete, ließ er die Senatoren rufen.
            </german>
            <latin>
                Igitur omni civitate ad excipiendum principem spectandumque regem effusa, Thrasea occursu prohibitus non
                demisit animum, sed codicillos ad Neronem composuit, requirens obiecta et expurgaturum adseverans, si
                notitiam criminum et copiam diluendi habuisset. eos codicillos Nero properanter accepit, spe exterritum
                Thraseam scripsisse, per quae claritudinem principis extolleret suamque famam dehonestaret. quod ubi non
                evenit vultumque et spiritus et libertatem insontis ultro extimuit, vocari patres iubet.
            </latin>
        </section>
        <section from="25" to="25">
            <german>
                (1) Dann beriet Thrasea unter seinen nächsten Freunden, ob er eine Verteidigung versuchen oder für unter
                seiner Würde halten solle. Verschiedene Ratschläge wurden vorgebracht. Diejenigen, die vorschlugen, dass
                die Kurie von Thrasea betreten werden solle, äußerten, sie seien ohne Sorgen wegen seiner
                Charakterfestigkeit; nichts werde er sagen, nur das, wodurch er seinen Ruhm mehre. (2) Träge und
                ängstliche Menschen gäben sich in privater Abgeschiedenheit selbst den Tod; das Volk solle den Mann
                genau betrachten, der dem Tod entgegengehe, der Senat solle Worte wie von einem göttlichen Wesen
                vernehmen, menschliche Rede übertreffend: Gerade durch ein solches Wunder könne sogar Nero umgestimmt
                werden; wenn er aber bei seiner Grausamkeit bleibe, werde sicherlich bei der Nachwelt die Erinnerung an
                ein ehrenhaftes Ende von der Feigheit derer unterschieden, die in Stille zugrunde gehen.
            </german>
            <latin>
                Tum Thrasea inter proximos consultavit, temptaretne defensionem an sperneret. diversa consilia
                adferebantur. quibus intrari curiam placebat, securos esse de constantia eius disserunt; nihil dicturum
                nisi quo gloriam augeret. segnis et pavidos supremis suis secretum circumdare: aspiceret populus virum
                morti obvium, audiret senatus voces quasi ex aliquo numine supra humanas: posse ipso miraculo etiam
                Neronem permoveri: sin crudelitati insisteret, distingui certe apud posteros memoriam honesti exitus ab
                ignavia per silentium pereuntium.
            </latin>
        </section>
        <section from="26" to="26">
            <german>
                (1) Dagegen äußerten diejenigen, die meinten, er müsse zu Hause abwarten, dasselbe über Thrasea
                persönlich, aber ihm drohten Spott und schimpfliche Behandlung: Er solle seine Ohren den Schmähungen und
                Beleidigungen entziehen. (2) Nicht nur Cossutianus oder Eprius seien zu einem Verbrechen bereit; es
                seien reichlich [Senatoren] vorhanden, die ihm möglicherweise in ihrer Grausamkeit Handgreiflichkeiten
                und Schläge zufügen würden; auch ehrenhafte [Senatoren] schlössen sich aus Furcht an. Lieber solle er
                dem Senat, den er besonders ausgezeichnet habe, die Schmach einer so großen Schandtat ersparen und es
                dahingestellt sein lassen, was die Senatoren bei einem persönlichen Auftreten Thraseas als eines
                Angeklagten beschließen würden. (3) Dass Nero Scheu vor Schandtaten ergreife, erwäge man in vergeblicher
                Hoffnung; vielmehr müsse man befürchten, dass er gegen seine Frau, gegen seine Tochter und gegen seine
                übrigen Angehörigen wüte. Daher solle er unberührt und unbefleckt gemäß dem glorreichen Verhalten
                derjenigen, nach deren Richtlinien und Lehren er sein Leben geführt habe, den Tod suchen. (4) Bei der
                Beratung war Rusticus Arulenus zugegen, ein hitziger junger Mann, und er erklärte sich aus Verlangen
                nach Lob bereit, gegen den Senats-beschluss Einspruch zu erheben: Denn er war ein Volkstribun. (5)
                Dessen Ungestüm zügelte Thrasea: Nicht solle er das, was sinnlos, für einen Angeklagten nutzlos und für
                einen, der Einspruch erhebt, verderblich sei, beginnen. Er [sc. Thrasea] habe sein Leben gelebt, und die
                so viele Jahre hindurch beständig innegehaltene Lebensführung dürfe nicht aufgegeben werden: Jener [sc.
                Arulenus] stehe am Beginn seiner politischen Karriere und seine Zukunft sei unbelastet. Zuvor solle er
                gründlich für sich überlegen, welchen Weg für seine weitere politische Laufbahn er in einer solch
                schweren Zeit beschreiten werde. Im Übrigen behielt er es selbst seiner Entscheidung vor, ob es
                angebracht sei, in den Senat zu kommen.
            </german>
            <latin>
                Contra qui opperiendum domi censebant, de ipso Thrasea eadem, sed ludibria et contumelias imminere:
                subtraheret auris conviciis et probris. non solum Cossutianum aut Eprium ad scelus promptos: superesse
                qui forsitan manus ictusque per immanitatem ausuri sint; etiam bonos metu sequi. detraheret potius
                senatui quem perornavisset infamiam tanti flagitii et relinqueret incertum quid viso Thrasea reo
                decreturi patres fuerint. ut Neronem flagitiorum pudor caperet inrita spe agitari; multoque magis
                timendum ne in coniugem, in filiam, in cetera pignora eius saeviret. proinde intemeratus, impollutus,
                quorum vestigiis et studiis vitam duxerit, eorum gloria peteret finem. aderat consilio Rusticus
                Arulenus, flagrans iuvenis, et cupidine laudis offerebat se intercessurum senatus consulto: nam plebei
                tribunus erat. cohibuit spiritus eius Thrasea ne vana et reo non profutura, intercessori exitiosa
                inciperet. sibi actam aetatem, et tot per annos continuum vitae ordinem non deserendum: illi initium
                magistratuum et integra quae supersint. multum ante secum expenderet quod tali in tempore capessendae
                rei publicae iter ingrederetur. ceterum ipse an venire in senatum deceret meditationi suae reliquit.
            </latin>
        </section>
        <section from="27" to="27">
            <german>
                (1) Aber am folgenden Tag besetzten zwei bewaffnete Leibwachen des Kaisers den Tempel der Venus
                Genetrix. Den Zugang zum Senat hatte eine Schar zivil gekleideter Soldaten mit deutlich erkennbaren
                Schwertern in Besitz genommen, und über die Foren und Basiliken verteilten sich keilförmige Formationen
                von Soldaten. Unter deren drohenden Mienen betraten die Senatoren die Kurie, die Rede des Kaisers fand
                durch dessen Quästor Gehör: (2) Ohne dass jemand namentlich angesprochen wurde, beschuldigte er die
                Senatoren, dass sie ihre öffentlichen Amtspflichten vernachlässigten und sich nach ihrem Beispiel
                römische Ritter der Nachlässigkeit zuwendeten. Was Wunder also, wenn man aus den entfernten Provinzen
                nicht [nach Rom] komme, da die meisten [Senatoren], nachdem sie Konsulat und Priesterämter erlangt
                hätten, sich lieber um die anmutige Gestaltung ihrer Gärten kümmerten? Diese [Worte] griffen die
                Ankläger wie eine Waffe auf.
            </german>
            <latin>
                At postera luce duae praetoriae cohortes armatae templum Genetricis Veneris insedere; aditum senatus
                globus togatorum obsederat non occultis gladiis, dispersique per fora ac basilicas cunei militares.
                inter quorum aspectus et minas ingressi curiam senatores, et oratio principis per quaestorem eius audita
                est: nemine nominatim compellato patres arguebat quod publica munia desererent eorumque exemplo equites
                Romani ad segnitiam verterentur: etenim quid mirum e longinquis provinciis haud veniri, cum plerique
                adepti consulatum et sacerdotia hortorum potius amoenitati inservirent. quod velut telum corripuere
                accusatores.
            </latin>
        </section>
        <section from="28" to="28">
            <german>
                (1) Den Anfang machte Cossutianus; mit noch größerer Stärke rief Marcellus laut aus, die Existenz des
                Staates stehe auf dem Spiel; durch den Eigensinn der Untertanen werde die Milde des Kaisers geschmälert.
                Allzu nachsichtig seien die Senatoren bis heute, da sie zuließen, dass Thrasea, der abtrünnig werde,
                dass sein Schwiegersohn Helvidius Priscus in derselben aufrührerischen Gesinnung, dass zugleich Paconius
                Agrippinus, der Erbe des väterlichen Hasses auf die Kaiser, und Curtius Montanus, der abscheuliche
                Lieder schreibe, ungestraft ihren Spott trieben. (2) Er vermisse im Senat einen Konsular, bei den
                Gebeten einen Priester, bei der Eidesleistung einen Bürger, ganz abgesehen davon, dass Thrasea
                öffentlich den Einrichtungen und religiösen Handlungen zum Trotz die Rolle eines Verräters und Feindes
                gespielt habe. Er solle doch endlich einmal den Senator spielen und kommen, sei er es doch gewohnt, die
                Tadler des Kaisers zu schützen; er solle seine Meinung sagen, was er verbessert oder verändert wissen
                wolle: Leichter sei es für [die Senatoren], ihn zu ertragen, wenn er über konkrete Einzelheiten
                schimpfe, als jetzt das Schweigen desjenigen auszuhalten, der alles verurteile. (3) Missfalle jenem der
                Friede auf dem Erdkreis oder die Siege der Heere ohne Verluste? Nicht sollten sie einen Menschen, der
                über das Wohlergehen des Staates traurig sei, der Foren, Theater und Tempel als eine Wüste betrachte,
                der mit seiner freiwilligen Selbstverbannung drohe, in den Genuss seines verkehrten Ehrgeizes kommen
                lassen. In seinen Augen gebe es keine Senatsbeschlüsse, keine Beamten, keine Stadt Rom. Er solle sein
                Leben von dieser Gemeinschaft losreißen, deren Wertschätzung er schon längst und dessen Anblick er jetzt
                aufgegeben habe.
            </german>
            <latin>
                Et initium faciente Cossutiano, maiore vi Marcellus summam rem publicam agi clamitabat; contumacia
                inferiorum lenitatem imperitantis deminui. nimium mitis ad eam diem patres, qui Thraseam desciscentem,
                qui generum eius Helvidium Priscum in isdem furoribus, simul Paconium Agrippinum, paterni in principes
                odii heredem, et Curtium Montanum detestanda carmina factitantem eludere impune sinerent. requirere se
                in senatu consularem, in votis sacerdotem, in iure iurando civem, nisi contra instituta et caerimonias
                maiorum proditorem palam et hostem Thrasea induisset. denique agere senatorem et principis obtrectatores
                protegere solitus veniret, censeret quid corrigi aut mutari vellet: facilius perlaturos singula
                increpantem quam nunc silentium perferrent omnia damnantis. pacem illi per orbem terrae, an victorias
                sine damno exercituum displicere? ne hominem bonis publicis maestum, et qui fora theatra templa pro
                solintdine haberet, qui minitaretur exilium suum, ambitionis pravae compotem facerent. non illi consulta
                haec, non magistratus aut Romanam urbem videri. abrumperet vitam ab ea civitate cuius caritatem olim,
                nunc et aspectum exuisset.
            </latin>
        </section>
        <section from="29" to="29">
            <german>
                (1) Als Marcellus bei diesen und ähnlichen Worten, fanatisch und drohend wie er war, in Ton, Miene und
                Blick Flammen sprühte, zeigte sich nicht nur jene bekannte Traurigkeit des Senates, an die man sich
                infolge der Häufigkeit der Gefahren schon gewöhnt hatte, sondern auch eine neue und tief sitzende Angst
                befiel die Senatoren, als sie die Hände und Waffen der Soldaten sahen. (2) Zugleich schwebte ihnen das
                verehrungswürdige Bild Thraseas selbst vor; und es gab welche, die auch Helvidius bedauerten, da er für
                seine unverschuldete Verwandtschaft bestraft werde. Was sei Agrippinus vorgeworfen worden außer dem
                traurigen Schicksal seines Vaters, weil auch jener gleichermaßen unschuldig durch die Grausamkeit des
                Tiberius umgekommen sei. Ja sogar Montanus, ein anständiger junger Mann, der keine anrüchigen Gedichte
                geschrieben habe, werde, weil er seine Begabung gezeigt habe, aus dem Land gejagt.
            </german>
            <latin>
                Cum per haec atque talia Marcellus, ut erat torvus ac minax, voce vultu oculis ardesceret, non illa nota
                et celebritate periculorum sueta iam senatus maestitia, sed novus et altior pavor manus et tela militum
                cernentibus. simul ipsius Thraseae venerabilis species obversabatur; et erant qui Helvidium quoque
                miserarentur, innoxiae adfinitatis poenas daturum. quid Agrippino obiectum nisi tristem patris fortunam,
                quando et ille perinde innocens Tiberii saevitia concidisset. enimvero Montanum probae iuventae neque
                famosi carminis, quia protulerit ingenium, extorrem agi.
            </latin>
        </section>
    </text>
</translation>
